Pfeil nach unten

Stuttgart 21: „Nicht auf Kosten der Filder-S-Bahn“

Das Betriebskonzept der Deutschen Bahn für die Filder-S-Bahn auf dem Abschnitt 1.3b akzeptiert die Stadt Leinfelden-Echterdingen nicht. In der vom Gemeinderat einstimmig getragenen Stellungnahme an das Regierungspräsidium im laufenden Planfeststellungsverfahren stellt sie klar, dass „die Belange eines zukunftsfähigen S-Bahnbetriebs unberücksichtigt blieben“. Die derzeitige Kapazität wäre nicht mehr gegeben. „Stuttgart 21 würde auf Kosten der Filder-S-Bahn realisiert.“

Foto: Stadt

Die Stadt fordert, die Planung müsse so verändert werden, dass kein Verspätungsaufbau entsteht – von dem die Bahn in ihrer Streckensimulation offenbar schon jetzt ausgeht. Zwischen Rohrer Kurve und Flughafen verlangt die Stadt den Nachweis, dass mindestens sechs S-Bahnen pro Stunde und Richtung in festem Takt fahren können.

Es ist nicht die erste Stellungnahme, die Leinfelden-Echterdingen im Planfeststellungsverfahren abgibt. 2017 lehnte sie den durch die Verlegung der Gäubahn auf die Filder-S-Bahn entstehenden Mischverkehr (die Mitbenutzung der S-Bahntrasse Rohrer Kurve-Flughafen durch Fern- und Regional-züge) ab und verwies auf die zu erwartenden Belastungen durch Lärm und Erschütterungen sowie die dann nicht mehr gewährleistete Pünktlichkeit der S-Bahn. Lärmschutzwände und ein drittes Gleis im Flughafen Terminal waren die dadurch errungenen Verbesserungen.

Im April diesen Jahres bezog die Stadt erneut kritisch Stellung zur nochmaligen Planänderung wegen des veränderten Baustellenkonzepts am Flughafen aufgrund des dritten Gleises (einjährige Sperrung der S-Bahn-Anbindung) sowie zum vorgesehenen Erdlager in Oberaichen (ein fünf bis sechs Meter hohes mehrjähriges Bodenlager).

Konkrete Daten seitens der Bahn lagen der Stadt aber nicht vor. Erst durch eine im Auftrag des Landes geforderte Simulation des Betriebskonzepts wurde jetzt ein Einblick möglich, berichtete EBM Noller in der Gemeinderatssitzung. Den nahm für die Stadt die Firma HCO Hohnecker-Consult vor. Professor Dr. Eberhard Hohnecker erörterte im Technischen Ausschuss und im Gemeinderat seine Analyse des Bahn-Betriebskonzeptes auf der 7,5 km langen S-Bahnstrecke durch Leinfelden-Echterdingen. Er äußerte deutliche Zweifel an einem reibungslosen S-Bahnverkehr.

Er wundere sich, dass am Hauptbahnhof eine ganz andere Zugzahl in Richtung Flughafen angegeben werde als auf der Filderstrecke, sagte der Gutachter: 16 statt 8 pro Tag und Richtung im Fernverkehr, 46 statt 39 im Regionalverkehr: „Wohin verschwinden diese Züge?“ Er geht von einer Verspätungsübertragung aus. Warten müsse in der Hierarchie aber immer die S-Bahn.

Für einen Fehler hält er, dass die Bahn die Flughafenstation als einen Bahnhof betrachtet, obwohl die Gleise nicht nebeneinander liegen. „Man muss von drei Bahnhöfen ausgehen!“ Bis zu 800 Meter könne der Fußweg zum dritten Gleis betragen. Die eingerechneten Halte- und Türöffnungszeiten (unter einer Minute) seien nicht realistisch, weder für mobilitätseingeschränkte Personen, wozu er auch eine Mutter mit Kindern rechne, und schon gar nicht für Fluggäste mit Gepäck. Auch die vorgesehene Wendezeit im Terminal liege unter der Mindestvorschrift.

Hohnecker plädiert für ein viertes Gleis, das zusammen mit dem dritten Gleis dann aber eine Ebene tiefer liegen sollte. Den Flughafentunnel würde er um 500 Meter verlängern. Ein drittes Gleis schlägt er auch ab der Rohrer Kurve bis nach dem Bahnhof Oberaichen vor, nur so könne man Verspätungen aufgrund der vielen Züge vermeiden.

Die Fraktionssprecher zeigten sich verärgert über die nach ihrer Meinung nicht zukunftsfähige Planung der Bahn. „Der Status quo muss bleiben“, erklärte Stadträtin Grischtschenko (Grüne), „ein nur 15-Minuten-Takt ist nicht zukunftsfähig“. „Das kann nicht rechtlich, sondern nur politisch geändert werden“, war die Meinung von Stadtrat Vohl (Freie Wähler/FDP), der ein Spitzengespräch anregte: „Alle Entscheidungsträger müssen an einen Tisch!“

Wenn eine Planänderung zu einer besseren Leistungsfähigkeit führe, so Stadträtin Koch (CDU), sei ihre Partei bereit „dafür Geld in die Hand zu nehmen“. Eine Entlastung gebe es für Leinfelden-Echterdingen „nur über die Schiene“, bekräftigte Stadträtin Moosmann (Linke). „Von dieser Krampflösung der Bahn ist nicht nur unsere Stadt betroffen“, monierte Stadtrat Klauser (SP), auch er fand: „Wir brauchen Verbündete“. Das Projekt Stuttgart 21 halte sie für insgesamt nicht zukunftsfähig, fand Stadträtin Onayli (L.E. Bürger/DiB), „und eine einjährige S-Bahnsperre führt in die Katastrophe“.

Man werde in Kontakt treten mit der Region, gegebenenfalls auch mit dem Verkehrsministerium, stimmte Oberbürgermeister Klenk den Bedenken zu. Denn es gehe nicht nur um Leinfelden-Echterdingen: „Es wäre eine schlechte Lösung in der gesamten Region!“

Die öffentliche Erörterungsverhandlung der Einwendungen zum Planfeststellungsabschnitt 1.3b sollte eigentlich im Oktober stattfinden. Sie wurde auf das kommende Jahr verschoben.