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Rede von Oberbürgermeister Roland Klenk beim Jubiläums-Festakt „Leinfelden war und ist von großer Dynamik geprägt“

„Das Dorf Leinfelden liegt am westlichen Saume der Filder, zweidreiviertel Stunden südlich von Stuttgart und eine halbe Stunde östlich von seinem kirchlichen Mutterort Musberg, mit dem es durch eine gut erhaltene Vicinalstraße verbunden ist. Eine weitere kunstgerecht angelegte Straße führt nach Echterdingen …

Foto: Bergmann

Der kleine Ort ist sehr reinlich gehalten, hat gut gebaute, ländliche Wohnungen und musterhaft gekandelte Straßen. Die Lage ist gesund und durch die Terrasse des Schönbuchs gegen feuchte Westwinde geschützt; laufende Brunnen fehlen, dagegen sind gegrabene, die gutes Trinkwasser führen, hinreichend vorhanden …“

Zur Zeit dieser Beschreibung des Amtsoberamts Stuttgart war das kleine Bauerndorf bereits 582 Jahre alt. In diesem Jahr begeht es als stolzer Stadtteil der Großen Kreisstadt Leinfelden-Echterdingen den 750igsten Geburtstag seiner urkundlichen Ersterwähnung.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Gäste, meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn das kein Grund zum Feiern ist! Es ist mir eine ganz besondere Freude und Ehre, Sie heute hier, mittendrin in Leinfelden, in der Filderhalle begrüßen zu können.

Da sich auch ein Oberbürgermeister in Wahlkampfzeiten in vornehmer Zurückhaltung zu üben hat, kommt mir heute die Aufgabe zu, mich auf die Begrüßung und einen politisch unverdächtigen geschichtlichen Rückblick zu beschränken.

Tatsächlich gewiss schon viele Jahre älter, erblickte Leinfelden vor 750 Jahren das Licht der Geschichtsbücher. Denn es zählt hier die urkundliche Ersterwähnung. Diese datiert auf das Jahr 1269, als ein benachbarter Adliger namens Wolfelin von Bonlanden seinen Hof in Lengenfeld, so hieß Leinfelden damals, mitsamt dem dazugehörigen Grundbesitz dem Kloster Bebenhausen schenkte, „zu seinem Seelenheil“, wie in der Urkunde explizit vermerkt ist. Denn die Klosterbrüder sollten fortan für ihn beten.

Landwirtschaft und Leinenweberei

Die Leinfelder waren über Jahrhunderte hinweg fast ausschließlich Landwirte. Die Landwirtschaft stellte mehr oder weniger die einzige Erwerbsquelle dar. Auch der Ortsname Lengenfeld leitete sich von den „langen Feldern“ ab. Das zweitwichtigste Handwerk, das meist im Nebenerwerb betrieben wurde, war die Leinenweberei. Der Anbau von Lein – also Flachs – war es dann wohl auch, der im 15. Jahrhundert zur Umbenennung des Ortes in Linvelt oder Leinfeld, also Leinfelden, führte.

Zur Zeit der eingangs zitierten Beschreibung des Amtsoberamts Stuttgart von 1851 war Leinfelden ein kleines Bauerndorf mit exakt 821 Einwohnern, Ober- und Unteraichen eingerechnet. Es war die Zeit, als die „Rebhele“, die Rebhühner, noch durch oder über den Ort flatterten und den Leinfeldern ihren Spott- bzw. Ortsnecknamen gaben, der sich bis heute im Namen der örtlichen Narrenzunft erhalten hat.

Achtzig Jahre später verfasste der Lehrer Christian Böhm im Jahr 1932 einen geschichtlichen Rückblick auf Leinfelden, der im Filder-Boten, dem Vorläufer der Filder-Zeitung, zu dessen 60-jährigem Jubiläum veröffentlicht wurde. Der Eindruck der Beschaulichkeit – um nicht zu sagen: Verschlafenheit – der sich nach der Lektüre der Oberamtsbeschreibung ergibt, wiederholt sich darin.

Böhm schreibt: „In friedlicher Abgeschiedenheit, abseits der verkehrsreichen Straßen, lag vorzeiten das alte Leinfelden am westlichen Rand des Fildergaus, sanft hingeschmiegt an den Fuß der sagenumwobenen Federlesmad.

Der einzige bessere Weg, den man am ehesten noch als Straße bezeichnen konnte, wohl auf der Spur eines Römerwegs angelegt, vermittelte nach Osten den Verkehr mit dem ehemaligen kirchlichen Mutterort Echterdingen und westwärts mit dem späteren Kirchenort Musberg. … In seinem Mittelpunkt lag … das Rathaus, das seinerzeit nicht nur für es selber, sondern auch für sechs andere Orte in seiner Umgebung und sieben Mühlen im Reichenbachtal größere Bedeutung hatte.

Verwaltungsmittelpunkt Leinfelden

Denn so klein und unscheinbar auch Leinfelden unter den übrigen Filderorten war, so bildete es doch bis zum Jahr 1819 mit Musberg, Oberaichen, Unteraichen, Stetten, Hof und Weidach und den sieben Mühlen ein eigenes Ämtchen, dem ein Stabsschultheiß … mit zwölf beigegebenen Magistratsmitgliedern oder Richtern vorstand. Dieses Kollegium hielt auf dem Rathaus in Leinfelden regelmäßige Gerichtstage ab.“ …

Dieser kleine Verwaltungsmittelpunkt war das sogenannte „Leinfelder Ämtlein“, ein Unteramt des württembergischen Amtsoberamts Stuttgart. Unsere heutigen Stadtteile waren also – abgesehen von Echterdingen – schon einmal zu einem Gemeinwesen zusammengefasst gewesen.

Doch noch einmal zurück zum Bericht des Lehrers Böhm, der dann am Ende seines Artikels auf die inzwischen völlig veränderte Situation Leinfeldens im Jahr 1932 zu sprechen kommt:
„Leinfelden hat heute einen neuzeitlichen Anstrich und ist weit über seine ehemaligen Ortsgrenzen hinausgewachsen. Breit dehnt es sich aus auf seinem Gefilde am Schönbuchrand, mit einzelnen Häusern immer weiter in die Umgebung vorstoßend. Es ist kein abgelegener Ort mehr; es steht jetzt mitten drin im Verkehr. Kaum eine andere Gemeinde auf den Fildern hat eine solche bewegte Entwicklungsgeschichte zu verzeichnen …“

Es ist erstaunlich, dass Böhm diese letzte Feststellung bereits im Jahr 1932 treffen konnte. Denn damals zählte Leinfelden mit Ober- und Unteraichen auch erst 1.500 Einwohner, und der große wirtschaftliche Aufschwung hatte noch gar nicht eingesetzt! Aber tatsächlich hatte sich seit der Jahrhundertwende viel getan, es hatte ein fundamentaler wirtschaftlicher Strukturwandel eingesetzt. Stuttgart war um 1900 zur größten Industriestadt des Landes geworden. Die Stuttgarter Industrie und das dortige Baugewerbe verschafften den Leinfeldern nun – wie der gesamten Bevölkerung der Filder – die dringend benötigten neuen Verdienstmöglichkeiten. Viele pendelten jetzt in die Landeshauptstadt zur Arbeit – meist mit der Filderbahn, an die Unteraichen seit 1897 Anschluss hat.

Industrieansiedelung bringt tiefgreifenden Strukturwandel

Die Landwirtschaft allein bot der wachsenden Bevölkerung kaum noch ein vernünftiges Auskommen. Durch die geltende Erbsitte der Realteilung wurden die landwirtschaftlichen Parzellen immer kleiner. Man spricht ja bis heute von „Handtuchgrundstücken“. Aber auch die Industrieansiedlung setzte einen Prozess in Gang, der Leinfelden grundlegend veränderte.

Den Anfang machte Mitte der 1920er-Jahre die Trikotwarenfabrik Lang und Bumiller. Sie bot mehreren hundert Beschäftigten – in erster Linie Frauen – Arbeit und Brot. Lang und Bumiller war der erste Industriebetrieb auf den Fildern überhaupt, der diesen Namen verdiente.

Den Standort kennen Sie alle: Es ist die Stelle, an der sich heute die Robert Bosch Power Tools GmbH – ehemals Bosch Elektrowerkzeuge – befindet.

Leinfeldens Wirtschaft boomt, die Einwohnerzahl steigt rapide

Der richtig große wirtschaftliche Aufschwung, das „Leinfeldener Wirtschaftswunder“, setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg und nach den ersten sehr schweren Nachkriegsjahren ein. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Gemeinde zum Vorreiter einer prosperierenden Industrieansiedlung auf den Fildern. Allein zwischen 1949 und 1965, in der Ära von Bürgermeister Gustav Egler, dem „eisernen Gustav“, gelang es, eine Vielzahl von Firmen verschiedenster Branchen anzusiedeln und so 4.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Bosch und Roto Frank waren darunter die größten Arbeitgeber.

Mit den Industrieansiedlungen ging eine starke, fast explosionsartige Bevölkerungszunahme einher, die Leinfelden zu einer der größten Wachstumsgemeinden in Baden-Württemberg machte. Zwischen 1950 und 1963 stieg die Bevölkerung von 2.379 auf 8.876 Einwohner. Dies entspricht einem Wachstum von 273 % innerhalb von 13 Jahren, was die Gemeinde vor große Herausforderungen stellte. Das Angebot an Wohnungen und die Infrastruktur musste mit dieser Entwicklung schließlich Schritt halten können.

1949 wurde das neue Rathaus, 1951 das neue Schulgebäude, 1958 die Filderhalle, 1962 die Ludwig-Uhland-Schule und 1965 schließlich das Gartenhallenbad, das erste seiner Art auf den Fildern, eingeweiht.

Leinfelden erreicht Stadtstatus

Nachdem im Jahr 1965 die 10.000-Einwohnergrenze überschritten worden war, wurde die Gemeinde Leinfelden zur Stadt erhoben. Das historische Ereignis wurde eine ganze Woche lang gefeiert. Das einstige Bauerndorf hatte sich in eine Stadt mit beträchtlichem Wohlstand verwandelt.

Die folgenden zehn Jahre zwischen 1965 und 1975 brachten unter der Regie von Bürgermeister Eckhardt Laible einen weiteren Aufschwung, auch im kulturellen Bereich. Er begründete die Partnerschaft mit Manosque, die heute – genauso lebendig wie damals – bereits 46 Jahre existiert.

Es war aber auch die Zeit neuer Weichenstellungen. Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde die Gebiets- und Gemeindereform in Baden-Württemberg in die Wege geleitet: Seit dem 1. Januar 1975 ist Leinfelden Teil der neu gegründeten Stadt Leinfelden-Echterdingen. Deren bewegte Gründung und Entwicklung konnten wir erst vor vier Jahren anlässlich deren vierzigjährigem Bestehen gebührend resümieren.

Die Entwicklung Leinfeldens war und ist von einer großen Dynamik geprägt – zum Vorteil der gesamten Stadt Leinfelden-Echterdingen. Wer mehr zur Geschichte Leinfeldens erfahren will, dem sei der Besuch der Ausstellung „750 Jahre Leinfelden – eine Zeitreise“ im Leinfelder Haus empfohlen, die dort bis 21. Juli zu sehen ist.

Dieser Festakt ist Höhepunkt und Start eines kulturellen Jahresprojektes, das zu Ehren des Stadtteiljubiläums „750 Jahre Leinfelden“ unter Beteiligung vieler haupt- und ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer durchgeführt wird. Es spiegelt das große, leidenschaftliche Engagement unserer Bürgerschaft für ihren Stadtteil, aber auch dessen enorme Vielfalt wider. Knapp 70 Veranstaltungen mit Bezug zu Leinfelden werden bis September in unserer Stadt stattfinden.

Hierfür danke ich an dieser Stelle allen Beteiligten, den Vereinen und Institutionen, aber auch dem Kulturamt, dem Stadtarchiv, der VHS, der Stadtbücherei und der Musikschule. Mein besonderer Dank gilt Frau Wissmann-Steiner, die als Leiterin des Kulturamtes die Federführung für ein unvergessliches Jubiläum innehat, das wir mit diesem Festakt nun beginnen wollen zu feiern.

Bleibt mir nur noch zu hoffen, dass die Jubiläumsfahnen, die überall in Leinfelden aufgehängt sind, bis zum Schluss hängen bleiben. Warum erzählt uns ein Artikel aus der Filder-Zeitung vom 23.7.1969, den ich Ihnen zum Schluss, wenn auch nur auszugsweise, nicht vorenthalten möchte. Da heißt es: Auf ein ganz besonderes Fach hatten sich Diebe in Leinfelden spezialisiert: Sie stahlen nächtlicherweise 28 der schönen bunten Flaggen, mit denen sich Leinfelden aus Anlass der 700-Jahrfeier geschmückt hatte. … Bei den Tätern handelt es sich um vier junge Amerikaner aus den Kelly-Barracks in Möhringen, die anscheinend besonders aparte Souvenirs mit nach Hause nehmen wollten.

Nun aber wünsche ich uns allen einen kurzweiligen und interessanten Abend und dann viel Spaß bei den vielen weiteren Angeboten des Jahresprojektes.