Pfeil nach unten

Philipp Matthäus Hahn und der alte Weißdornbusch im Echterdinger Wiesental Zur Bedeutung der Hahn’schen Spaziergänge in der Natur

Öffentliche Gedenkhinweise auf den berühmten, zwischen 1781 und 1790 in Echterdingen wirkenden „Uhrmacher-Pfarrer“ Philipp Matthäus Hahn (geb. 1739 in Scharnhausen, gest. 1790 in Echterdingen) sind im Stadtgebiet von Leinfelden-Echterdingen mehrfach präsent.

Hahn-Gedenktafel am Echterdinger Pfarrhaus
Hahn-Gedenktafel am Echterdinger Pfarrhaus, 1928 von WMF gefertigt | Foto: Stadtarchiv LE

So findet sich z.B. am Eingang des Echterdinger Pfarrhauses eine kunstvolle, vom Landesverband Württembergischer Uhrmacher gestiftete „Hahn-Gedenktafel“, welche 1928 von der Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) nach einem Entwurf des Regierungsbaumeisters Albert Kaiser gefertigt wurde und das technische Erfindertum des schwäbischen Pietisten würdigt.

Während das Stadtmuseum mit der großen Uhr auf dem Museumsvorplatz ausdrucksstark auf die Werkstattnachfolge Hahns im 18./19. Jahrhundert verweist (Hahn’sche Originale und Repliken finden sich in der Dauerausstellung), trägt das Echterdinger Gymnasium (mathematisch-naturwissenschaftliche Ausrichtung) nicht nur dessen Namen, sondern präsentiert auf dem Schulgelände seit 1974 auch eine kinetische, die astronomischen Himmelsuhren des Erfinders zitierende Edelstahlplastik von Hans Hahn-Seebruck.

Weißdornbusch im Echterdinger Wiesental
Weißdornbusch im Echterdinger Wiesental | Foto: Stadtarchiv LE

Da die hier genannten Gedenkhinweise sich allesamt auf das technische Genie des „schwäbischen Leonardo“ fokussieren, soll im Folgenden an den ca. 300 Jahre alten, seit 1983 zum Naturdenkmal erklärten Weißdornbusch im Echterdinger Wiesental (Gewann Stäudach westlich B27 und Zeppelinstein) erinnert werden, der stattdessen als „stiller Zeitzeuge“ des Hahn’schen Natur- und Gesundheitsverständnisses zu gelten hat.

So wissen wir aus diversen Quellenberichten, dass Hahn vor allem in den Sommermonaten ein besonderes Bedürfnis am alltäglichen Spazierengehen im Echterdinger Wiesental hatte. Bei diesen Spaziergängen, bei denen ihm der hier thematisierte, neunstämmige Dornbusch meist als Zwischen-Stopp diente, erlebte er die ihn umgebende Natur nicht nur im Glaubenskontext seiner zunehmend pantheistisch werdenden Gottes- und Naturfrömmigkeit.

Darüber hinaus nutzte er die kontemplativen Natur-Spaziergänge als Triebkraft für intellektuelle Gedankenspiele (bereits antike Philosophen postulierten moderates Gehen als Antrieb des Denkens) und – wie Dr. Hans Huber anhand der Hahn‘schen Tagebuchaufzeichnungen (1780-1790) nachweisen konnte – auch zum psychischen Stressabbau sowie als probates medizinisches Mittel („Motion“) gegen diverse körperliche, bewegungsmangelbedingte Krankheiten. Alles in allem spielte das im frühen Pietismus noch als lasterhafter „Müßiggang“ verunglimpfte Natur-Spazierengehen in Hahns Leben und Werk eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Schenken wir dem Bericht seiner Tochter Beate Paulus Glauben (erstpubliziert 1874), dann begann das sommerliche Ritual des täglichen Spaziergehens nach dem Mittagessen bzw. nachdem Hahn seinen Kindern eine biblische Geschichte erzählt hatte. Schätzungsweise gegen 12.30 Uhr (das Mittagessen wurde pünktlich um 12 Uhr eingenommen) machte er sich (wohl über den heutigen Zeppelinweg) auf den Weg ins Echterdinger Wiesental, wobei er sich meist von seinen Kindern Beate, Christiane und Philipp begleiten ließ. Nach einer Viertelstunde Gehzeit (sprach Hahn währenddessen mit seinen Kindern über die göttliche Natur?) erreichten sie den heckenförmigen Dornbusch, wo die Kinder spielen und auf ihn warten sollten.

Daraufhin setzte er seinen Spaziergang über Feld und Flur alleine fort (Gewann Langes Heckle), holte die Kinder gegen 13 Uhr wieder am Dornbusch ab und spazierte mit ihnen zurück zum Echterdinger Pfarrhaus. (Nach dem Spaziergang widmete er sich bis zum Nachtessen wieder seinen theologischen und feinmechanischen Arbeiten, hielt abends eine pietistische „Erbauungsstunde“ im Pfarrhaus und las und arbeitete daraufhin bis Mitternacht). Dass Hahns Natur-Spaziergänge bei der Echterdinger Bevölkerung durchaus Eindruck hinterließen – vielleicht auch deshalb, weil dieser aus Angst in seinen kreativen Gedankengängen gestört zu werden keinesfalls gegrüßt werden wollte – bezeugt u.a. die Tatsache, dass sich im 19./20. Jahrhundert mit dem „Spaziergang zum Dornbusch“ ein volkstümlicher Brauch entwickelte, wobei vereinzelte Quellen sogar ein sog. „Hahnwegle“ erwähnen (Filder-Scholle Nr. 9 / 1925).

Heute lässt sich die exakte Route des „Hahnwegles“ aufgrund fehlender zeitgenössischer Quelleninformationen nur schwer rekonstruieren. Außerdem bleibt zu vermuten, dass vor allem der Weißdornbusch direkt mit Hahn assoziiert wurde. Immerhin sagte man im Volksmund bisweilen auch, dass der Dornbusch das Ziel einer „Hochzeitsreise“ sei, was zuallererst auf Hahns gepredigte Allgottvorstellung seiner Echterdinger Zeit anspielte und den Busch zum göttlichen Symbol für Wachstum, Kraft und Beständigkeit werden ließ. Folglich besitzt der alte Weißdornbusch im Echterdinger Wiesental eine ganz besondere Denkmaleigenschaft, die weit über das reine Naturdenkmal hinausreicht und im Kontext der Hahn’schen Spaziergang-Tradition auf ein harmonisch-respektvolles Zusammenspiel von Mensch und Natur verweist.

Dass es 1908 ausgerechnet im hinteren Wiesental zum Zeppelin-Unglück kam (Gewann Stützle mit heutigem Zeppelin-Gedenk-Stein und naturdenkmalgeschützter Baumgruppe) – ist hingegen ein Kuriosum der Geschichte. Denn wir wissen, dass Hahn bereits im späten 18. Jahrhundert selbst über steuerbare Luftkörper bzw. Luftschiffe sinniert hatte – vielleicht auch während seiner Wiesentaler Dornbusch-Spaziergänge?