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Vortrag in der Filderhalle stößt auf großes Publikumsinteresse Dem „Bienensterben“ auf der Spur

Das Thema Bienensterben ist in aller Munde und wird daher in den letzten Jahren auch in der Politik viel diskutiert. Was hat es damit auf sich, was sind Ursachen – und was können Städte, Landwirtschaft aber auch jeder Einzelne dagegen tun?

Zuschauer folgen dem Vortrag eines Dozenten
Foto: Bergmann

Diese Fragen standen jüngst im Mittelpunkt eines Vortragabends im gut besuchten Studio II der Filderhalle. BM Dr. Carl-Gustav Kalbfell, selbst passionierter Hobby-Imker, begrüßte Dr. Peter Rosenkranz von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim, den die Stadt als Gastredner gewinnen konnte.

„Bienen sind nett, haarig und pelzig, sind Vegetarier, leben von Pollen und Nektar, sind schnell und flexibel“ – kurzum: sie haben ein positives Image, so Rosenkranz. Bienen seien zu einem In-Thema geworden, „seit den letzten 15 Jahren sind viele Fördergelder geflossen“, berichtet der Bienenexperte.

Weltweit gibt es rund 20.000 Bienenarten, cirka 580 existieren in Deutschland, sie sind zwischen 3 mm und 4 cm groß. Bienen haben einen enormen Nutzen: Durch ihre Bestäubung sorgen sie für den Erhalt der Biodiversität sowie das gesamte Ökosystem. Auch ihre ökonomische Bedeutung ist immens: der globale Wert der Bestäubung wird auf 250 bis 600 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Betrachtet man die weltweite Entwicklung der Honigbienenvölker „nehmen sie, anders als in den Medien wissentlich berichtet, eher zu“, so Rosenkranz. Beim Aussterben gilt es daher zu unterscheiden: Solange es Imker gebe, sterben die Honigbienen nicht aus. Doch ohne Betreuung der Imker würden in den nächsten drei Jahren ca. 80 bis 90 Prozent der Honigbienenvölker eingehen. Zu kämpfen haben sie ganz besonders mit globalisierungsbedingt eingeschleppten Parasiten wie der Varroa-destructor-Milbe aus Asien. Imker müssen jährliche Völkerverluste von 10 und 15 Prozent hinnehmen.

Straße mit Wildblumengrünstreifen
Max-Lang-Straße im Jahr 2019 | Foto: Stadt

Viel gravierender ist der Rückgang hingegen bei den meisten Wildbienenarten und anderen bestäubenden Insekten mit einem Verlust von mehr als 75 Prozent in den vergangenen 27 Jahren. Angesichts dieses Artensterbens sei der Begriff „Insektensterben“ auch der treffendere, sagt Rosenkranz. Die Ursachen hierfür seien v.a. sozio-ökonomisch bedingt. Früher war die Landwirtschaft vielfältig, heute unterliegt sie starken Veränderungen, ist geprägt von einheitlichen Kulturen; es werden viele Energiepflanzen, v.a. Mais, angebaut, die als „Fluch“ für Bienen gelten. Früher gab es 15 Prozent Unkräuterstreifen in den Äckern, die inzwischen weitgehend verschwunden sind. Zudem werde allzu häufig vor der Blütezeit gemäht – „das hat einen ökologischen Wert von einem Parkplatz“, so Rosenkranz. Auch der großflächige Herbizideinsatz sowie der zunehmende Flächenverbrauch und damit der Rückgang von Grünflächen zählen zu den Problemen (rd. 66 ha Fläche werden in Deutschland täglich versiegelt), ebenso der Individualverkehr und die Lichtverschmutzung, etwa durch besonders lichtintensive Gewerbegebiete.

Was tun gegen den Artenschwund?

Der Wissenschaftler sieht aber auch viele Möglichkeiten, dem Artensterben entgegenzuwirken. In der Landwirtschaft könnte man z.B.  Randstreifen mit Blütenpflanzen anpflanzen. Als Ersatz für Mais wäre der Anbau der „durchwachsenen Silphie“ denkbar, mit dem allerdings auch ein Ertragsrückgang bei den Landwirten einhergehen würde.

Auch jeder Einzelne könne privat einige positive Dinge bewirken: Vorgärten müssten nicht zugepflastert sein, sondern könnten mit Grün- und Blühflächen aufgelockert werden. Auch auf kleinem Raum ließe sich einiges machen, etwa auf Terrasse und Balkon über die Bepflanzung von Hochbeeten oder Töpfen als „Blühinseln“ – z. B. mit Lavendel und Thymian, Glocken-, Sonnenblumen oder Margeriten. Streuobstwiesenbesitzer sollten die Wiese länger stehen lassen, weniger mähen und so „Mut“ zur Wildwiese und damit zu einer gewissen „Unordnung“ haben, genauso wie im eigenen (Vor-)Garten.

Für den öffentlichen Raum in Städten sei das Engagement für Vielfalt an Blüten und Landschaftselementen zugunsten der biologischen Vielfalt eine lohnenswerte Angelegenheit. Nebenbei wirkt sich das auch positiv auf Stadtbild und Lebensgefühl aus.

Hier ist LE schon länger sehr aktiv, wie Katja Siegmann, Abteilungsleiterin des städtischen Umwelt- und Grünflächenamts, berichtet. Um die Insektendiversität zu unterstützen, habe man kontinuierlich Wiesenflächen, Baumpflege und Totholz im Blick, genauso wie im Innenstadtbereich u. a. Verkehrsinseln oder Grünstreifen, die mit Wildblumenmischungen angesät bzw. Pflanzen (z. B. Stauden aus Nordamerika im S-Bahnhofbereich Leinfelden) versehen werden. Viele Stellen sollen künftig noch „grüner“ werden. Jeder eigene Beitrag der Bürger sei wichtig, so Siegmann: „Machen Sie mit, jeder Quadratmeter zählt!“