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Bei Sanierung der „Historischen Mitte Echterdingen“ werden Zukunftsbäume gepflanzt Exotischer Schnurbaum verdrängt Kastanie

Christiane Meßner und ihr Mann Urs Müller-Meßner vom Echterdinger Büro Kienleplan haben einen Leitfaden entwickelt, wie die Außenflächen im Sanierungsgebiet der „Historischen Mitte Echterdingen“ gestaltet werden könnten.

Matthias Urmetzer von der Staatsschule für Gartenbau an der Uni Hohenheim beäugt einen Feigenbaum im Herzen Echterdingens. Ihrer mediterranen Herkunft wegen dürfte die Feige ebenfalls mit dem Klimawandel fertig werden. | Foto: Schultheiß

Dabei haben sie sich auch Gedanken über die Bepflanzung öffentlicher Flächen mit Zukunftsbäumen gemacht. Ein Gespräch des Ehepaars vor kurzem mit Matthias Urmetzer, ein Experte der Staatsschule für Gartenbau an der Uni Hohenheim, zeigt die Komplexität des Themas. „Es gibt Untersuchungen, was die Zukunft für Stadt- und Straßenbäume anlangt. Deshalb haben wir das Thema in unserem Leitfaden mitbedacht“, sagte Urs Müller-Meßner. Bäume hätten für das Klima eine hohe Wirkung und spielten eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden der Einwohner.

Mischmasch statt Monokultur

Die Bernhäuser Straße sei zum Teil eher städtisch, der Raum weite sich dann zum Rathaus hin. „Hier muss man weg von den typischen Monokulturen, denn irgendwann tritt eine Krankheit auf, und von dieser wären dann gleich alle Bäume betroffen. Wenn man auf einen Mix setzt, der auch eine belebende Wirkung für das Ortsbild hat, dann ist dies nicht der Fall“, sagte er. Heute seien die Anforderungen an die Stadtbäume hoch.

Man wolle möglichst das Pflaster bis zum Stamm verlegen, um keinen wertvollen Raum zu verschwenden, und der Baum müsse auch mit dem Verkehr und seinen Emissionen sowie der Verdichtung seines Wurzelraumes fertig werden. „In den dörflichen Bereichen des Sanierungsgebiets haben wir den Bäumen deshalb einen grünen Fuß, also Freiraum um den Stamm herum, gegeben“ sagt Christiane Meßner. In diesen ländlichen Bereichen werde nicht an Obstbäume gedacht. „Davon muss man wegen der fallenden Früchte Abstand nehmen. Dies kann im öffentlichen Bereich zum Problem werden“, so Urs Müller-Meßner. „Obstbäume sehen wir im neuen Stadtgarten, dabei könnte man das Thema des Obstbaumgürtels, den es einst um Echterdingen herum gegeben hat und von dem es noch Reste gibt, aufnehmen“, ergänzte seine Frau.

Urs Müller-Meßner (links) und Christiane Meßner mit Matthias Urmetzer unter der Platane vor dem Stadtmuseum Leinfelden-Echterdingen. | Foto: Schultheiß

„Selbst Kastanien sind ein Problem im Straßenraum“, gab Matthias Urmetzer zu bedenken. Auch Laub beanspruche die Leute massiv. Da sei der Obstbaum eine Überforderung, die er  nachvollziehen könne. Außerdem kämen mit dem Obst auch die Wespen. Mit blühenden Stadtbäumen, sagte Christiane Meßner, könne man auch die Insekten fördern. „Wir haben für die Bernhäuser Straße den Schnurbaum vorgeschlagen, der aus Japan kommt, nun blüht und eine Bienenweide ist. Das ist ein großer Vorteil, weil jetzt einige Arten mit Blühen aufgehört und die anderen noch nicht damit begonnen haben“, sagte Urs Müller-Meßner.

Die Stadt Stuttgart verkaufe eigenen Honig und profitiere so von ihren Schnurbäumen. Einem Privatmann sei der Schnurbaum nicht unbedingt zu empfehlen, weil er sehr groß werde. Außer dem Schnurbaum gebe es noch die Manna-Esche, die aus südlichen Gefilden komme, aber ausreichend winterhart sei: „Die Blasenesche haben wir ebenfalls empfohlen. Sie ist kleinwüchsiger, hat aber den Vorteil, dass sie anspruchslos ist, auch was die Feuchtigkeit anlangt. Außerdem reagiert sie unempfindlich auf Rauchgas, weshalb sie als industriefest gilt.“

Auch Ginkgobäume könnten dem Klimawandel trotzen, und es gebe ein paar in Echterdingen, man müsse aber sehr aufpassen, weil die weibliche Art einen Fruchtfall habe, der extrem stinke. Männliche Ginkgobäume, sagt Christiane Meßner, hätten aber auch einen Vorteil: „Sie haben schmale Kronen und eignen sich deshalb an engeren Straßen. Da könnte man dann wenigstens eine Baumreihe reinbringen.“ Es dauere aber extrem lang, bis er einigermaßen etwas darstelle.

Die Miniermotte setzt alten Kastanien zu

„Das Identitätsstiftende einer Pflanzungfunktioniert nicht mehr, weil man statt der Einheitlichkeit einen Mischmasch hat“, stellte Matthias Urmetzer fest. Im Bereich um das Rathaus herum, sagte Urs Müller-Meßner, stünden alte Kastanien: Die seien aber wegen der Miniermotte, die ihnen zusetzt, nicht so zukunftsfähig, dort wären sowohl die Manna-Esche als auch der Schnurbaum vorstellbar, nicht zuletzt wegen der Blütenpracht und der schönen Färbung des Laubs im Herbst.

„Ein Problem des Klimawandels ist, dass wir mit Schädlingen zu tun haben, die es bei uns vor zehn oder 15 Jahren noch gar nicht gegeben hat. Dies ist im Moment auch die Unsicherheit, mit der man arbeitet. Das Thema Klimagehölz ist eines, bei dem sehr viel in Bewegung ist, aber das macht es für eine Gemeinde, die mit einer gewissen Perspektive planen muss, schwer. Sie muss aus einer Liste von rund 150 möglichen Zukunftsbäumen diejenigen auswählen, von denen man einigermaßen gesichert weiß, dass sie mit dem Klimawandel fertig werden“, sagte Matthias Urmetzer.

„Bevor man bei einem Baum vom Stadium des zarten Pflänzchens an bewerten kann, ob er den neuen Bedingungen gerecht wird, vergehen 15 bis 20 Jahre“, sagte Urs Müller-Meßner.  „Innerorts“, sagte seine Frau, „könne man nicht mehr nur auf einheimische Bäume setzen, man müsse auf ausländische zugreifen. So sieht es auch Matthias Urmetzer: „Bevor man gar keine Bäume mehr in der Stadt hat, ist es besser, exotische zu haben.“

Er verwies darauf, dass die Kommunen für die angemessene Pflege der Bäume oft nicht ausreichend Personal hätten. „Man darf nicht sagen, dass das alles schon irgendwie wächst, man muss bereit sein, etwas dafür zu tun und auch Geld ausgeben“, sagte Christiane Meßner. „Es wird halt oft verkannt, dass man es mit Lebewesen zu tun hat“, ergänzte ihr Mann.

Bei einem kleinen Rundgang nach dem Gespräch durch Alt-Echterdingen stießen die Gesprächspartner sofort auf zwei Zukunftsbäume: eine alte Platane vor dem Stadtmuseum und auf einen Feigenbaum gleich in der Nähe. Die Zukunft hat in Echterdingen also schon ein wenig begonnen.