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Umfangreiche Funde bei Schelmenäcker-Grabungen 7.000 Jahre altes Dorf begeistert Archäologen

Scherben von Keramikgefäßen, Pfeilspitzen, Erntegeräte, Feuersteinklingen und dunkle Verfärbungen im Boden: Seit vergangenem Juni untersuchen die Mitarbeiter einer Grabungsfirma den Untergrund in den Schelmenäckern in Leinfelden.

Aräologen bei Vermessungsarbeiten in den Leinfelder Schelmenäckern
In den Schelmenäckern wurden Spuren von 15 Langhäusern gefunden. | Foto: Bergmann

Und sie waren fleißig, haben „sehr viel gefunden“, wie Baubürgermeisterin Eva Noller kürzlich bei einer Ausschusssitzung sagte. Und diese Aussage konnte Landeskonservator Jörg Bofinger, der Referatsleiter für operative Archäologie beim Landesamt für Denkmalschutz, nur bestätigen.

Die Zeit, aus der diese Funde stammen, war eine sehr interessante, „ein wichtiger Punkt in der Menschheitsgeschichte“, so der Archäologe. Denn vor rund 7.000 Jahren wurden die Menschen sesshaft, gründeten Dörfer, betrieben Ackerbau und Viehzucht. Kein Wunder, dass die guten Böden auf den Fildern die Menschen anzogen und zum Bleiben animierten. „Das war eine Revolution, die aus dem vorderen Orient kam“, so Bofinger.

Seit Jahrtausenden schlummern nun die Überreste von bis zu 30 Meter langen Langhäusern im Boden. Mehr als 15 solcher Gebäude aus der Zeit der nach den typischen Mustern auf den Gefäßen benannten Linearkeramiker habe man bisher entdeckt, so Bofinger, dazu kommen fast 700 neue Funde aus dieser Zeit – deutlich mehr als nach ersten Erkundungen erwartet.

Die unerwartet umfangreichen Entdeckungen haben jedoch einen Nachteil: Es wird teurer. Eigentlich war man davon ausgegangen, dass die Grabungen – zu denen die Stadt verpflichtet ist – rund 400.000 Euro kosten werden. Genau diese Summe hatte Oberbürgermeister Roland Klenk im ersten Corona-Shutdown im Frühjahr per Eilentscheidung bewilligt. Doch das Geld reicht nicht aus. Die Stadt wird weitere 400.000 Euro für die Rettungsgrabungen zahlen, was im Ausschuss ein wenig zähneknirschend aufgenommen wurde, letzten Endes aber auf einhellige Zustimmung stieß.

Ausgrabungsstätte in den Leinfelder Schelmenäckern
Foto: Bergmann

„Wir müssen mit der Geschichte sorgfältig umgehen, denn sie gehört zu unserem Leben“ sagte die SPD-Stadträtin Barbara Sinner-Bartels. Allerdings seien 800.000 Euro viel Geld, mit dem man viel hätte machen können – „so sollte es nicht weitergehen“. In dieser Hinsicht konnte Bofinger sie beruhigen. „80 Prozent der Fläche sind geöffnet und zwei Drittel der Grabungszeit liegen hinter uns“, sagte der Landeskonservator. Außerdem habe die Grabungsfirma die Kosten gedeckelt, die Kalkulation sei verlässlich. Auf eine weitere Untersuchung der benachbarten Grünflächen – eine Fläche von 7.000 Quadratmetern – werde verzichtet, weil man der Stadt weitere Kosten nicht zumute wolle. Möglicherweise wird hier der Untergrund mit Magnetsonden untersucht.

Bei Wolfgang Haug schlagen nach eigenen Worten zwei Herzen in seiner Brust. „Es ist, wie es ist, so schlimm es ist“, so der FDP-Stadtrat. Seinen Vorschlag, eine Ausstellung über die Grabungen im Stadtmuseum zu präsentieren, nahm Bofinger gerne auf. „Wir sind bestrebt, die Grabungsergebnisse an den Fundort zu bringen, das geht relativ zeitnah“, so der Wissenschaftler.

Er beantwortete auch die Frage von Dr. Eberhard Wächter, dem Sprecher der Fraktion Freie Wähler/FDP, nach der Wertigkeit der Funde. „Das wertvolle an der Ausgrabung ist der Gesamtplan eines Dorfes aus der Zeit um 5.000 vor Christus,“ sagte er und ergänzte, dass es nicht viele solcher gut dokumentierten Siedlungsflächen gebe.

Die CDU-Fraktionssprecherin Ilona Koch hält es in diesem Zusammenhang für entscheidend, was die Stadt daraus macht. „Es gibt Interesse weit über LE hinaus“, sagte sie. Und nach Worten von Grünen-Stadtrat Martin Klein besteht hier die Chance, die Geschichte für Generationen zu erhalten.

Spätestens Mitte April sollen die Grabungen beendet werden. Dann rücken die Bagger der Archäologen ab, neue werden kommen. Schließlich sollen in den kommenden Jahren in den Schelmenäckern 600 neue Wohnungen entstehen – ohne Verzögerung durch die Grabungen.