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Aus dem Stadtarchiv: 125 Jahre Liederkranz Unteraichen

Nach der Gründung der Zelterschen Liedertafel in Berlin im Jahr 1809 entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts viele Männerchöre im deutschsprachigen Raum. Regionale und überregionale Sängerfeste wurden veranstaltet, so 1827 das erste Deutsche Sängerfest in Plochingen.

Historische Aufnahme einer Personengruppe des Liederkranzes Unteraichen
Für ein Erinnerungsfoto zur Fahnenweihe im Jahr 1902 stellte sich der Liederkranz Unteraichen vor dem Übungslokal, der Gastwirtschaft „Rößle“, auf. | Foto: Stadtarchiv LE

Siebzig Jahre später – im Mai 1897 – gründete Gotthold Bubeck, Lehrer an der Einklassenschule in Unteraichen, zusammen mit 18 „sangesfreudigen“ Männern und sechs Förderern den Liederkranz Unteraichen. Der damals 33jährige Schullehrer Bubeck, der 1894 die Lehrerstelle in Unteraichen angetreten hatte, verheiratete sich im Jahr 1898 mit Juliane Marie Staiger, einer Tochter des „Rössle“-Gastwirts und Metzgers Jakob Staiger in Unteraichen. Bubeck war der Sohn des im Jahr 1896 in Echterdingen verstorbenen Lehrers Christof Friedrich Bubeck, der 1861 als Unterlehrer an der Echterdinger Schule angetreten und 1872 Mitinitiator bei der Gründung des Liederkranzes in Echterdingen war.

Bubeck hatte den Männerchor gut einstudiert und mit einigen weiteren aktiven Sängern war der Chor dann in der Lage, die Feste in der Nachbarschaft zu besuchen, und mit den anderen Gesangvereinen mitzusingen.

Ein Verein galt zu jener Zeit aber nichts ohne eine rechte Fahne, mit der man sich v.a. auch bei Festumzügen präsentieren konnte. Am 1. Juni 1902 konnte die Vereins-Fahne eingeweiht werden. Der eingestickte Wahlspruch lautete „Rein im Sange – treu im Wort – fest in Eintracht immerfort“. Zu diesem Zeitpunkt war Bubeck schon nicht mehr in Unteraichen, da er im Frühjahr 1902 die Volksschullehrerstelle in Tuttlingen übernommen hatte. Für ihn kam der Lehrer Adolf Jäger nach Unteraichen, der übergangslos die Dirigentenstelle beim Liederkranz Unteraichen übernehmen konnte.

Drei Jahre später legte der Verein eine Zwangspause ein. Gründe gab es wohl viele. Im Protokoll der Mitgliederversammlung vom März 1920 heißt es dazu, „daß der Verein leider infolge politischer Einflüsse auseinander ging…“, so dass bei der Beerdigung der jungen „Rößle“-Wirtin Marie Staiger im Jahr 1906 der Männergesangverein aus Möhringen antreten musste. Interessant ist allerdings, dass sich in dieser Vakanz in Unteraichen ein neuer Verein gründete. Er nannte sich „Singchor Unteraichen“, war ein gemischter Chor und hatte als Vorsitzenden den Kaufmann Rebmann und als Dirigenten den Hauptlehrer Jäger. (Zur gleichen Zeit gab es in Leinfelden einen Chor mit dem Namen „Freier Singchor Leinfelden“).

Erst nach Ende des Ersten Weltkriegs ging man wieder daran, den Verein aufzubauen. Nachdem auch die schlimme Zeit der Inflation überwunden war, kam der Verein in ruhigeres Fahrwasser. Neuer Dirigent wurde Karl Rebholz senior, später folgten ihm sein Sohn Karl Rebholz junior sowie der Enkel Joachim Rebholz. Der Verein beteiligte sich an unterschiedlichen Wettsingen, dem „Sängerwettstreit“, bei welchen er sehr erfolgreich abschließen konnte. In dieser Zeit wurden die jährlichen Waldfeste sowie die Weihnachtsfeiern organisiert, für das Wohl des Zusammenhalts sorgten die vereinsinternen Ausflüge.

Einer harten Bestandsprobe sah sich der Verein im Jahr 1933 ausgesetzt. Laut einer Regierungsverordnung durfte in einer Gemeinde mit 2000 Einwohner nur noch ein Verein derselben Sparte bestehen (Mittlerweile gab es in Leinfelden mit dem 1920 gegründeten Männerchor Leinfelden zwei Gesangvereine.) Die Vereinigung ging bei den Sportvereinen zügig vonstatten. Bei den Gesangvereinen gab es allerdings keine Einigung, und von daher blieben beide Vereine weiterhin nebeneinander bestehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es erst ab Februar 1946 neues Vereinsleben. Ein Jahr später kam es zur Gründung eines Frauenchors, so dass der Liederkranz Unteraichen nun mit 73 Sängerinnen und Sängern ein gemischter Chor war und sich somit auch das Liedgut wandelte. Man suchte nach neuen Präsentationsformen und fand sie in den Winter- und Frühjahrsunterhaltungen mit gesanglichen Darbietungen und Theaterspiel durch die vereinseigene Theaterabteilung.

Die Stadtverwaltung, und dort v.a. Bürgermeister Egler, versuchte auch nach dem Krieg, eine Verschmelzung beider Gesangvereine in Leinfelden voranzutreiben. Bei einer Umfrage unter den Vereinsmitgliedern im Jahr 1957 wurde dieser Anfrage eine eindeutige Absage erteilt. Im Jahr 1960 war dann die Ära „Rößle“ zu Ende, da der Verein die Gaststätte nach Umbau nicht mehr nutzen konnte. Neuer Übungsraum wurde die neuerrichtete Aula der Ludwig-Uhland-Schule, in dem sich die Aktiven nach wie vor zur Singstunde treffen.

Von 1966 bis 1986 beschäftigte der Verein nicht weniger als sieben Chorleiter, die bis auf Ernst Jäger (1969-1978) zum Teil oft nur 1-2 Jahre den Dirigentenstab schwangen. Erst der darauffolgende Chorleiter, Wilfried Warth aus Stetten, blieb von 1987 bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2018, dem Verein erhalten. Mit dem neuen Dirigenten kam auch die gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Stettener Liederkranz und dem Chor der Stuttgarter Bäcker „Philia“, die sich in gegenseitiger gesanglicher Unterstützung bei unterschiedlichen Auftritten ausdrückte.

Der Liederkranz sah sich als Teil des Ortes Unteraichen und wollte dies auch zum Ausdruck bringen. So pflanzte der Verein 1989 auf dem Dorfplatz Unteraichen eine Linde und beteiligte sich mit einer Stiftung an der Entstehung des von Thomas Groß gestalteten neuen Dorfbrunnens im Jahr 1992. Ebenso gab der Verein das Buch „640 Jahre Unteraichen“ heraus, dessen Autor Hermann Holzinger ist, ehemaliger Lehrer und Rektor der Ludwig-Uhlandschule sowie langjähriger aktiver Sänger und stellvertretender Vizedirigent des Vereins.

Am 28. Juni 1997 konnte der Verein mit einem Festakt in der Filderhalle Leinfelden sein 100-jähriges Bestehen mit der Verleihung der Zelter-Plakette durch den deutschen Sängerbund begehen.

Schließlich fusionierten im Jahr 2014 die beiden Gesangvereine, „Liederkranz Unteraichen“ und „VocaLEnsemble Leinfelden“, unter dem neuen Namen „Leinfelden-Unteraichen im Takt, Chorgemeinschaft e.V.“