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Leinfelden, Echterdingen, Stetten und Musberg in der Zeit des Nationalsozialismus, Teil I: 1933 - 1939 - Leseprobe, Seite 165 ff

Autor: Dr. Bernd KlagholzBuch über den Alltag im nationalsozialistischen Staat
Veröffentlichungen des Stadtarchivs LE
Band 12
Leinfelden-Echterdingen 2007
274 Seiten, 277 Fotos und Abbildungen
23,50 Euro

Die Leseprobe zeigt anhand von Zeitzeugenberichten einige Beispiele für die politische Indoktrination der Schülerinnen und Schüler:

"… Nicht zuletzt durch den Einfluss der Lehrer wurden die Kinder und Jugendlichen – mitunter auch gegen den Willen ihrer Eltern - Mitglied in der HJ bzw. im Jungvolk. Der Echterdinger Paul M. (Jg. 1920) berichtet: „In der Schule bekamen wir einen jungen Lehrer, der ganz und gar der braunen Bewegung verfallen war und der dafür sorgte, dass wir alle dem Jungvolk der Hitlerjugend beitraten. Erst war's nur die Hälfte der Klasse, dann immer mehr, bis auf zwei: Friedrich Lauxmann und ich. Meine Mutter war dagegen und es dauerte noch vier Wochen, bis sie grünes Licht gab,  aber nur widerwillig. Die freche Art der HJ-Führer missfiel ihr, aber auch ihr Gefühl sagte ihr folgerichtig, dass durch diese braune Ideologie die Seelen ihrer Kinder für den christlichen Glauben, aber auch die altbewährten Tugenden im Laufe der Zeit verloren gehen könnten. Wie recht sie mit ihrer Befürchtung hatte, erkannten wir erst später. Obwohl ja alles `freiwillig´ war, blieb auch Friedrich Lauxmanns Eltern, die sehr christlich eingestellt waren und in die Hahnsche Stunde gingen, nichts übrig, als nachzugeben. Somit waren alle Buben aus unserer Klasse bis Mitte April 1933 beim Jungvolk. Bei den Mädchen dauerte es fast ein Jahr länger, bis alle als Jungmädel dem BDM-(Bund deutscher Mädel) einverleibt waren, denn der Echterdinger BDM musste erst aufgebaut werden.“

In Echterdingen wurde sogar das NSDAP-Parteiprogramm im Unterricht durchgenommen. Derselbe Zeitzeuge berichtet: „Auch wurden immer mehr vaterländische Lieder gesungen und Hitlers `Mein Kampf´ (sic! Gemeint ist das Parteiprogramm der NSDAP; B.K.) Satz um Satz durchgenommen und auswendig gelernt. Noch heute weiß ich eine ganze Menge der darin aufgeführten 25 Punkte, die der Führer verwirklichen wollte. Wir aber nahmen die Sache nicht so ernst. So bedrückten uns damals seine Ausführungen zum `Volk ohne Raum´ und anderes noch nicht. Die bittere Wahrheit sollten wir später am eigenen Leib kennen lernen! Mit der Verteufelung der Juden fing es an ...“ Es kam vor, dass Kinder aus nicht nationalsozialistisch gesinnten Elternhäusern von Lehrern benachteiligt wurden. Frau Irmgard H. (Jg. 1925) berichtet: „In den letzten drei Klassen hatten wir einen Oberlehrer (Ludwig Hinz; B.K.), der ein gutes Parteimitglied war. Morgens bei seinem Eintreten ins Klassenzimmer mussten wir zackig aufstehen, alle rechter Arm hoch und "Heil Hitler" rufen, das musste klappen. Anschließend wurde – je nach seiner Laune  ein Schüler oder eine Schülerin aufgerufen und musste einen passenden nationalsozialistischen Spruch bereit haben und aufsagen (ich kann mich an keinen mehr erinnern)! Natürlich wurden auch entsprechende Lieder gesungen   z. B. `Deutschland Lied´,`Horst Wessel Lied´ usw. Dieser Lehrer war ob seiner Strenge nicht sehr beliebt; auch hatte er die Angewohnheit, Schüler zu bevorzugen, von denen bekannt war, dass die Eltern parteifreundlich gesinnt waren. Dagegen hatten es die anderen umso schwerer bei ihm; diese Ungerechtigkeiten haben mich sehr gekränkt.“ Im Folgenden werden zwei „vaterländische“ Lieder und ein Spruch wiedergegeben, die in der siebenten oder achten Klasse der Leinfelder Volksschule 1937/38 nachweislich gesungen bzw. rezitiert wurden. Die Texte stammen aus einem erhalten gebliebenen Notizbuch der Leinfeldener Schülerin Irmgard H. (Jg. 1925). Der erste Liedtext stammt von Arno Pardun (1931), der zweite von Hans Baumer (1934).

Spruch

1. Wir bitten, Herrgott; laß uns niemals wankend werden u. feige sein, laß uns niemals die Pflicht vergessen, die wir übernommen haben.
2. Uns hilft niemand, wenn wir uns nicht selber helfen!
3. Ihr müsst die Tugenden heute üben, die Völker brauchen, wenn sie groß werden wollen. Ihr müsst treu sein, ihr müsst mutig sein, ihr müsst tapfer sein, ihr müsst untereinander eine einzige, große, herrliche Kameradschaft bilden!
4. Wir wollen nicht sein für uns, sondern alles nur für unser Volk. Wir wollen nichts erringen für uns, sondern alles nur für Deutschland, denn wir sind vergänglich, aber Deutschland muß leben.
5. Die Wahrheit ist herb u. hart wie immer; allein die Lüge wird eines Tages entlarvt, u. die Wahrheit wird eines Tages siegen.
6. Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben; das ist der Weisheit letzter Schluß: nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß!

Lied

1. Deutschland, Deutschland o heiliger Klang, o süßer Klang, dich lieb ich, dich lieb ich, preis ich mein Leben lang, wie schlägt mir vor Lust das Herz in der Brust.
Deutschland, bei deinem Stamm.
2. Deutschland, Deutschland, siehst du im Osten das Morgenrot, ein Zeichen zur Freiheit, zur Sonne; wir halten zusammen ob Leben, ob Tod, mag kommen, was immer da wolle. Warum jetzt noch zweifeln, hört auf mit dem Hadern, noch fließt nur deutsches Blut in den Adern. Volk, ans Gewehr!
2. Deutscher, wach auf nun, u. reihe dich ein, wir schreiten dem Siege entgegen, frei soll die Arbeit, u. frei wollen wir sein u. mutig u. trotzig verwegen. Wir ballen die Fäuste u. werden nicht zagen, es gibt kein Zurück mehr, wir werden es wagen. Volk, ans Gewehr!
3. Jugend u. Alter, u. Mann für Mann umklammern das Hakenkreuzbanner, ob Bürger, ob Bauer, ob Arbeitsmann, sie schwingen das Schwert u. den Hammer, für Hitler, für Freiheit, für Arbeit u. Brot. Deutschland, erwache, ende die Not! Volk, ans Gewehr!
(Arno Pardun, 1931)

Lied

1. Nun lasst die Fahnen fliegen in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchtet oder brennt zum Tod.
2. Denn: mögen wir auch fallen – wie ein Dom steht unser Staat. Ein Volk hat 100 Ernten u. geht 100 mal zur Saat.
3. Deutschland, sieh uns, wir weihen dir den Tod, als kleinste Tat. Grüßt er einst uns´re Reihen, werden wir die große Saat.

In diesen Texten spiegelt sich der deutsche Nationalismus auf unterschiedliche Weise wider. Der Spruchtext scheint vom schon in der Weimarer Republik weit verbreiteten, eher noch gemäßigte Nationalismus herkömmlicher Art, durchdrungen zu sein. Die beiden Liedtexte hingegen haben mit ihrem aggressiven Militarismus und dem Pathos des Opfertodes eindeutig nationalsozialistischen Charakter."

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