Luftkrieg. Die Stadtteile von Leinfelden-Echterdingen im Luftkrieg (1939 - 1945)
Echterdingen
In Echterdingen wurde am 22.11.1942 ebenfalls gegen 21.15 Uhr über die seit Januar 1940 auf dem Rathaus befindlichen Sirene ("Großalarmanlage") Luftalarm gegeben. Der Alarm wurde nicht vom Bürgermeister als örtlichem Luftschutzleiter, sondern von der Fliegerhorstkommandantur auf dem Flughafen, die ihrerseits an die Luftwarnzentrale in Stuttgart angeschlossen war, ausgelöst. Gegen 21.45 Uhr setzte dann der Angriff ein.
Dr. Hans Huber hat ihn als 16-jähriger Schüler im Keller seines Elternhauses in der Hirschstraße erlebt. Er berichtet:
"Nur so ganz langsam bekam der Krieg auch für uns in Echterdingen härtere Konturen. Da waren zunächst ganz vereinzelt, dann ab 1942 langsam zunehmend, die meist nächtlichen Fliegeralarme. Trotz der inständigen Bitten meiner Großmutter und der Anordnungen meiner Mutter - mein Vater und mein älterer Bruder Gerhard waren längst im Feld - ging ich selten oder nie in den Keller. Auf der Treppen-Terrasse vor dem Haus beobachtete ich den Himmel und horchte in die Nacht hinaus, hörte manchmal irgendwo fernes Motorengeräusch oder die kurzen harten Schläge der 8,8-Flak. Manchmal surrte ein verirrter Granatsplitter durch die Gegend - einen solchen zu finden war sehr begehrt.
Lange Zeit ist hier in Echterdingen nichts oder nur wenig passiert; nirgends wurde größerer Schaden angerichtet. Als die Angriffe dann im Laufe der Monate und Jahre immer heftiger, die feindlichen Verbände größer, die Luftabwehr hektischer wurde, war das nächtliche Schauspiel von meiner Terrasse nur immer grandioser. Das wichtigste an den nächtlichen Alarmen war ihre Dauer: Je nach Länge der nächtlichen Störungen fielen dann am anderen Morgen die ersten Schulstunden im Karls-Gymnasium in Stuttgart aus. Logisch, dass da der Alarm in Echterdingen öfters länger dauerte als in der Stadt!
Am 22. November 1942 wurde schon ungewöhnlich früh - nämlich schon abends zwischen 21 und 22 Uhr - Luftalarm ausgelöst. Ich stand wie üblich auf der Terrasse und beobachtete den Himmel. Meine Mutter, meine kleine Schwester und Bekannte, die auf dem Heimweg von Stuttgart vom Alarm überrascht bei uns Zuflucht gesucht hatten, waren im Keller; aber die Türen standen offen, sodass man sich rufend verständigen konnte. Die auf dem Flughafen stationierten Nachtjäger waren schon kurz vor dem Alarm gestartet - das hatten wir gehört.
Die Flak um Stuttgart ballerte wie noch nie, in der Ferne hörte man das unheimliche Dröhnen und Brummen größerer feindlicher Verbände. Schon waren in nordwestlicher Richtung, etwa über oder hinter Vaihingen und Böblingen riesige 'Christbäume' gesetzt. So hatte ich es noch nie gesehen! Die ganze Gegend dort war fast taghell erleuchtet. Das galt wohl Stuttgart? Wenn nicht gar uns und dem Flughafen? Aufkommender Nord-West-Wind trieb die Lichtmarkierungen auf unsere Gegend zu. Der 'Christbaum' stand vielleicht über Rohr und dem Dürrlewang, als man die ersten größeren Detonationen hörte. Auch die Flak konzentrierte sich nun ganz in diese Richtung und man konnte den Eindruck haben, dass es der Flugabwehr gelungen war, die Verbände zu zersprengen, von Stuttgart abzudrängen. Man hörte bald aus allen möglichen Richtungen Motorengeräusche - auch von relativ tief fliegenden Maschinen.
Ich verschwand nun schleunigst im Keller , von meiner Mutter vorwurfsvoll empfangen. Das Licht war schon vorher ausgegangen. Kaum war ich drinnen und hatte den Splitterschutz und die Türe vorschriftsmäßig vorgelegt, liefen fünf, sechs schwere Detonationen, ungefähr von Westen her, immer näher auf uns zu; die letzte erschütterte das Haus bis in seine Grundfesten und war doch noch 200 bis 300 Meter entfernt, wie sich am anderen Tag herausstellte. Im Vorkeller wurde das Fenster samt dem Holzrahmen herausgerissen und flog vor unsere Kellertür. Das waren wohl Luftminen! Ich hatte Angst, natürlich zitterte ich nur 'hehlinge', denn ich war ja der einzige 'Mann' im Haus! So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt! Wir saßen erstarrt, wagten kaum zu atmen - aber dann blieb es still. Ich horchte angestrengt; denn nach den 'humanitären' Spielregeln dieses Luftkrieges konnten jetzt auch noch Brandbomben fallen.
Ich entriegelte die Tür und linste vorsichtig hinaus. Alles still. Ich sprang hinauf und stellte fest: im Hause auf der Westseite waren fast alle Scheiben kaputt, aber kein Brandherd, kein größerer Schaden. Die Nachbarn kamen auf die Straße, man rief sich zu. Die steileren Dächer einiger Nachbarn waren auf der Westseite abgedeckt, aber sonst in der näheren Umgebung nirgends akute Gefahr oder Brandbomben. Aber im Westen, Richtung Leinfelden, Unteraichen war der Himmel glutrot! Bald darauf Entwarnung (gegen 23.15 Uhr war der Angriff beendet, der Verf.). Ich half meiner Schwester und Mutter aus dem Keller; die Schlafzimmer auf der Ostseite waren einigermaßen in Ordnung geblieben und die Glasschäden in unserem Haus erforderten ja kein akutes Eingreifen. Aber an den Brandherden war sicher Not am Mann. Ich zog mein Fahrrad aus der Garage und hetzte nach Leinfelden. In der Leinfelder Straße in Echterdingen brannte es bei Ludwig Steckroth ("Thumme-Beck"); es standen eine Menge Leute herum und die Feuerwehr hatte den Brand schon gut unter Kontrolle. In Leinfelden brannte es an verschiedenen Stellen, ich sah mehrere zerstörte Gebäude; aber überall waren genügend Helfer im Einsatz und viele Brände schon eingegrenzt. ..."


