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Vom Kriegsende bis zur Währungsreform.
Die Geschichte Leinfelden-Echterdingens 1945 - 1948

Ehemalige französische Kriegsgefangene verhindern Schlimmeres

Nach dem Einmarsch der Franzosen kehrten sich die Machtverhältnisse in unseren vier Gemeinden um. Die in Echterdingen, Musberg und Leinfelden befindlichen französischen Kriegsgefangenen und die Zwangsarbeiter osteuropäischer Herkunft standen nun auf der Seite der Sieger. Wie würden sie sich gegenüber der Bevölkerung verhalten?
Vom vorbildlichen Verhalten, des Ehepaar Noels, das sich in Musberg schützend vor zehn Geiseln stellte, war bereits die Rede. Die ersten zwei Tage ("48-Stunden-Frist") nach dem Einmarsch waren insofern eine sehr kritische Zeit, als die Soldaten - es handelte sich hier um 40 - 50 der gefürchteten "Marokkaner" - mit Billigung ihrer Offiziere anscheinend alles tun durften, was sie wollten. Dass es in Musberg jedoch nur zu wenig Plünderungen und zu keinen Vergewaltigungen durch die Marokkaner kam, ist nach übereinstimmenden Zeitzeugenberichten ausschließlich dem mäßigenden Einfluss den noch am Ort verbliebenen Angehörigen der in dem Bericht erwähnten französischen Kriegsgefangenenkompanie zu verdanken. Sie hatte zuvor geholfen, die Fliegerschäden zu beseitigen. Da sie in Musberg sicher waren, suchten sogar Frauen aus Rohr, Oberaichen und Steinenbronn dort zwei Tage lang Schutz. Bei Gängen durch den Ort haben ehemalige französische Kriegsgefangene die Frauen begleitet und beschützt.
Auch in Echterdingen war die Situation nach dem Einmarsch kritisch. Wie in Musberg haben in dieser Situation der Rechtsunsicherheit die zur Zwangsarbeit eingesetzten französischen Kriegsgefangenen - es waren ungefähr zwanzig - Schlimmeres verhindert und Unheil von der Bevölkerung abgewendet. Nach dem Frankreichfeldzug 1940 wurden etwa 1,2 Millionen französische Kriegsgefangene nach Deutschland gebracht, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Die Kriegsgefangenen, die 1940 nach Echterdingen gekommen waren, wurden zunächst auf dem Gelände der Firma Stolle in Baracken untergebracht. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft und in den drei Echterdinger Sauerkrautfabriken Sommer, Erstkraut und Hofmann. 1942 wurden sie in der Werkstatt des Glasermeisters und Sternenwirts Friedrich Renz einquartiert. Im September 1943 wurden sie dann überraschend zu zivilen Gefangenen erklärt und in Privatquartieren untergebracht.
Von der Militärkommandantur wurden sie nach dem Einmarsch zuerst befragt, wie sich die Bevölkerung und ihre Arbeitgeber ihnen gegenüber verhalten habe. Die Antwort fiel positiv aus. In der Folgezeit machte es sich auch für die Echterdinger Bevölkerung bezahlt, dass die französischen Kriegsgefangenen anständig und menschlich behandelt worden waren.
Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Person Jean Bezys zu. Bezy war im Juni 1940 in St. Die in deutsche Kriegsgefangenschaft gekommen und zum Arbeitseinsatz in das Deutsche Reich gebracht worden. Seit Mitte Oktober 1940 arbeitete er als "PG" (prisonier de guerre = Kriegsgefangener) in der Krautfabrik Hofmann in Echterdingen. Am 10. Mai 1945 wurde er offiziell zum Ortskommandanten (commandant dux regiment francaise) für Echterdingen, Stetten Hof und Weidach eingesetzt. Zeitzeuge Ernst Krämer beschreibt ihn folgendermaßen: "Jean verwendete sein Amt in wirklich menschlicher Weise, um mögliche Ausschreitungen gegen die Bevölkerung zu verhindern (oft auch gegen die französische Besatzungsmacht). Er war in dieser Zeit immer und für jeden zu sprechen. Er wandte manchen Übergriff in uneigennütziger Weise ab. Dies wussten und erfuhren viele im Ort. Er stand in gutem Ansehen." So hat Bezy z.B. versucht, ehemalige Wehrmachtsangehörige vor der Verschleppung nach Frankreich zu bewahren; davon wird noch die Rede sein. Er verhinderte z.B. außerdem einen Angriff eines polnischen DP auf Bürgermeister Rohleder. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Eingesetzt zum Ortskommandanten wurde Bezy vom Kommandeur der Einheit, die Echterdingen besetzt hatte, Colonel Zegerlin. Zegerlin, der der Vorgesetzte Bezys gewesen war, war inzwischen Chef der französischen Militärverwaltung in Esslingen geworden. Über Bezy hatte Echterdingen einen guten Draht zur Militärverwaltung in Esslingen. Am 15. Juli - dem französischen Nationalfeiertag -1945 heiratete Bezy eine Echterdingerin und blieb am Ort wohnhaft. Kurz vor seinem Tod - am 23. April 1985 - wurde Bezy vor dem Leinfelden-Echterdinger Gemeinderat anlässlich des Kriegsendes vor 40 Jahren für sein Wirken zum Wohle der Bevölkerung geehrt.
Ein weiterer ehemaliger französischer Kriegsgefangener, der erst kürzlich verstorbene Roger Jeanne (1915-1995), wurde von der Besatzungsmacht als Ortspolizist eingesetzt. In dieser Eigenschaft hat er Schaden von der Bevölkerung abgewendet:
"Ich hatte in dieser kurzen Polizistenzeit viele kleine Problemchen zwischen den Besatzungssoldaten und der Bevölkerung zu regeln. Hier ein Beispiel: Die Olga Kempf, Tochter des Sonnenwirts Wilhelm Kempf, rief ganz aufgeregt an, französische Soldaten würden versuchen, das schöne Wirtshausschild abzumontieren. Ich soll doch kommen und das verhindern. Ich nahm mein Fahrrad und radelte zur "Sonne". Nachdem die Soldaten mir nicht sagen konnten, wofür sie das "Sonnen"-Schild benötigten, habe ich veranlasst, dass sie es wieder an den alten Platz zurückbrachten. Ich hatte ihnen damit gedroht, dass es sonst keinen Most mehr vom Gasthaus "Sonne" geben würde, den sie so gerne getrunken haben. Das wirkte!"
Trotz der Fürsprache und des Einsatzes der ehemaligen französischen Kriegsgefangenen gab es - wie bereits gezeigt - für die Bevölkerung in den folgenden Monaten durch die Besatzungssoldaten manch' unangenehme Situation.

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