Der Tag von Echterdingen. Zeppelin LZ 4 auf den Fildern: Katastrophe und Neubeginn der Luftschiffahrt
Autor: Dr. Bernd Klagholz
Veröffentlichungen des Stadtarchivs LE, Band 5
Leinfelden-Echterdingen 1998
160 Seiten mit über 100 Fotos
19,50 Euro
Echterdingen schreibt Luftschifffahrtsgeschichte
"Das glücklichste aller Unglücke", nannte Graf Ferdinand von Zeppelin die Zerstörung seines Luftschiffs, die zu einer gigantischen Spendenaktion im Deutschen Reich führte. Das Buch beschreibt anschaulich die Ereignisse, die als "der Tag von Echterdingen" in die Geschichte einging, reich bebildert mit rund 100 Fotos und Postkarten der Zeit.
Schauplatz des Geschehens, das 1908 die Schlagzeilen der nationalen wie der internationalen Presse beherrschte, war eine Wiese bei Echterdingen: Am frühen Morgen des 5. Augusts 1908 war der legendäre Luftschiffpionier Graf Ferdinand von Zeppelin (1838-1917) mit seinem vierten Luftschiff (LZ 4) wegen eines Motorschadens hier gelandet. Bereits seit dem Jahr 1890 beschäftigte sich der vom Militärdienst ausgestoßene württembergische Kavalleriegeneral und ehemalige Diplomat mit der revolutionären Idee eines lenkbaren, starren Luftschiffs (im Gegensatz zum Prall-Luftschiff). Dafür hatte er das ganze Familienvermögen geopfert, zahlreiche Fehlschläge und Hohn und Spott auf sich genommen. Mit seinem vierten Luftschiff wollte er den endgültigen Durchbruch erzwingen, erst mit dem dritten Luftschiff hatte er einen gewissen Erfolg gehabt.
Im Sommer 1908 stand der Graf mit dem Rücken zur Wand: Er musste die deutsche Militärverwaltung, die sich für sein System zu interessierten begann, als Käuferin gewinnen, um sich so finanziell zu sanieren. Die Militärverwaltung in Gestalt des Kriegsministers von Einem war es auch, die ihm zur Auflage machte, die Tauglichkeit seines Luftschiffs durch eine 24stündige Dauerfahrt unter Beweis zu stellen. Diese Fahrt - von Friedrichshafen über Basel und Straßburg nach Mainz und zurück - wurde überraschend am 4. August 1908 angetreten.
Es war die Sensation des Jahres 1908: Wo immer das 135 Meter lange Luftschiff erschien, brachten Tausende Graf Zeppelin und seinem Luftschiff Ovationen dar - Deutschland war im Zeppelin-Fieber. Anfangs gab es keine Probleme, bis dann einer der beiden 105 PS starken Daimler-Motoren streikte und zunächst zur Zwischenlandung auf dem Rhein bei Oppenheim und dann am frühen Morgen des 5. August auf der Wiese bei Echterdingen zwang. Mit Hilfe der nahe gelegenen Daimler-Werke wollte man den Schaden beheben.
Binnen kurzem strömten Zehntausende aus den umliegenden Dörfern und dem benachbarten Stuttgart am Landeplatz zusammen. Betriebe und Läden schlossen, aus einem Arbeitstag wurde ein Festtag. Gegen drei Uhr nachmittags nahm das Unglück - das zum Glücksfall werden sollte - seinen Lauf: Das Luftschiff wurde von einem starken Windstoß erfasst, aus der Verankerung gerissen und über die Köpfe der entsetzten Menge hinweg gegen eine Allee von Apfelbäumen getrieben. Binnen Sekunden gingen 15.000 Kubikmeter Wasserstoff in Flammen auf und vom stolzen Luftschiff LZ 4 blieb nur ein bizarres, rauchgeschwärztes Aluminium-Gerippe übrig. Graf Zeppelin schien am Ende, der Traum vom Fliegen ausgeträumt.
Das Unglück, das als nationale Katastrophe angesehen wurde, erregte die Menschen wie kein zweites Ereignis im Jahr 1908. Doch das Blatt wendete sich zu Gunsten Graf Zeppelins. Längst war sein Luftschiff zum nationalen Prestigeobjekt geworden, das dem Deutschen Reich bei der Eroberung der Luft - auch in militärischer Hinsicht - einen Vorsprung vor den anderen Nationen der Luft zu sichern schien. Das Schicksal des von Rückschlägen geplagten, aber niemals aufgebenden Grafen rührte die Nation und löste eine Spendenflut sondergleichen aus, um ihm die Fortsetzung seines Werkes zu ermöglichen.
Echterdingen war der Ausgangspunkt dieser gigantischen Aktion: Noch am Wrack des Luftschiffs wurde dem Grafen Mut zu gesprochen und für ihn gesammelt. Hunderttausende Menschen jeden Alters und aller Schichten im ganzen Deutschen Reich schlossen sich an und spendeten mehr als sechs Millionen Mark (damals eine gewaltige Summe). Es war eine der erstaunlichsten Massenhysterien des 20. Jahrhunderts. Die Zeppelin-Begeisterung vermischte sich freilich untrennbar mit der Begeisterung für Schwarz-Weiß-Rot. Das Zeppelin´sche Luftschiff schwamm auf der Welle der nationalen Gefühle, die nicht selten in dumpfen Nationalismus ausarteten. Es wurde zum Symbol der Potenz des aufstrebenden Wilhelminischen Reichs, das eine Weltmacht sein wollte.
Noch ein zweites ist in höchstem Maße bemerkenswert: Das Volk entschied mit seiner Spende über die Fortsetzung eines High-Tech-Projekts - ein einmaliger Vorgang in der deutschen Industriegeschichte. In Friedrichshafen entstand der Zeppelin-Konzern. In den folgenden Jahren nahm der Zeppelin-Luftschiffbau, durch den bald die Kontinente miteinander verbunden wurden, einen großen Aufschwung. "Die Geschichte eines ungeheuren Erfolgs" (Clausberg) begann, die erst durch das Zeppelinungück vom 6. Mai 1937 - die "Hindenburg" verbrannte bei Lakehurst - ihr (vorläufiges) Ende fand.
Graf Zeppelin, wenige Jahre zuvor noch als "Narr vom Bodensee" verspottet, avancierte zum Volkshelden, der Kaiser Wilhelm II. (zu dessen Ärger) weit an Popularität übertraf. Die Verehrung des Grafen nahm kultische Züge an, die sich in tausenden ihm gewidmeter Gedichte, vielen Auszeichnungen und Ehrungen, aber auch in der rücksichtslosen kommerziellen Vermarktung seiner Person niederschlug. Der alte Mann mit der Schirmmütze und dem markanten Schnurrbart wurde nun endgültig zum Mythos. Der 5. August 1908 ist als "Der Tag von Echterdingen" in die Geschichte der Luftschifffahrt eingegangen: "...um dieses Ereignis, seine Voraussetzungen und Folgen kreist gewissermaßen die Zeppelingeschichte" (Clausberg).
Der Leiter des Friedrichshafener Zeppelin Museums, Dr. Wolfgang Meighörner urteilt über dieses Buch: "90 Jahre nach der Katastrophe von Echterdingen liegt sie nun endlich vor, die wissenschaftlich fundierte Analyse eines der faszinierendsten Unglücke der Luftfahrtgeschichte ... Eine wesentliche Forschungslücke der Geschichte der Luftschifffahrt ist mit diesem Buch geschlossen worden - wissenschaftlich solide erarbeitet und zudem erfreulich leicht lesbar."


