Erinnerungen an Kindheit und Jugend in der Eselsmühle
von Walter Lorenz
"Ich wurde am 14. Juni 1918, mitten in der Heuet, als jüngstes Kind des Eselsmüllers Gottlieb Lorenz (1881-1938) in der Eselsmühle geboren. Die Lorenz waren ein bekanntes und wohlhabendes Musberger Geschlecht, Ziegler und Müller. Meine direkten Vorfahren waren seit rund 150 Jahren Müller auf der Eselsmühle. Ein anderer Zweig der Familie waren die Ziegler Lorenz aus Musberg, die auch viele Bürgermeister Musbergs stellten.
... Im Jahr 1915 wurde mein Vater zum Militär eingezogen und meine Mutter musste die Mühle allein mit fremdem Personal fast drei Jahre betreiben. Meine älteren Geschwister waren damals noch sehr klein. In dieser Zeit war der Hunger ja groß und das Mehl knapp, und deswegen gab es auch in fast allen Mühlen, die einsam lagen, Einbrüche. Schließlich wurde bei uns ebenfalls versucht, einzubrechen. Eines Abends (man war damals ja aufgeschreckt durch die anderen Einbrüche besonders wachsam) bemerkte man auch bei uns ungewöhnliche Geräusche an der Mühlentür - Einbrecher! Meine Mutter, eine couragierte Frau, die kaum Angst zeigte, beschloss, sich zu verteidigen. Sie ging an den Gewehrschrank - den hatte damals jede Mühle -, holte eine Schrotflinte heraus, ging durch den Hausgang direkt in die Mühle und schoss auf die Türe: Das hat gewirkt. Seitdem hatte sie Ruhe vor Einbrechern. Diese Geschichte hat man mir oft erzählt ...
Die Mühle - ein Familienbetrieb
Das Einzugsgebiet unserer Mühle reichte von Musberg, Leinfelden, Ober- und Unteraichen über Rohr, Vaihingen und Möhringen bis nach Plattenhardt; manche Kunden kamen auch von Steinenbronn.
Wir haben auch einmal probiert das Mehl zu bleichen, weil weißes Mehl besonders gefragt war. Doch das ist im Versuchsstadium stecken geblieben, denn mein Vater war dagegen. Er fand das unnatürlich, obwohl es den Verdienst erhöht hätte.
In unserer Familie war eine gute Arbeitsteilung. So arbeitete mein Bruder Wilhelm mit dem Vater in Schichteinsatz als Meister und Geselle in der Mühle. Das klappte reibungslos, denn sie waren gleichberechtigt. Manchmal, wenn es viel Arbeit gab, lief die Mühle die ganze Nacht durch. Dann musste mein Bruder Wilhelm, der gelernter Müller war, alle 45 Minuten das Getreide (etwa 2 ½ Zentner) nachschütten, weil der Trichter leer gelaufen war. Dann klingelte die Glocke und er musste zum wiederholten Male aufstehen, um neues Getreide nachzufüllen.
Ein normaler Arbeitstag
Der Müllerknecht fuhr, manchmal zusammen mit meinem Vater oder Bruder, in die Dörfer unseres Einzugsgebiets. Die Pferde hatten einen Glockenriemen um das Kummet hängen mit kleinen Messingglöckchen, so dass die Dorfbewohner schon von weither hören konnten, dass der Müller im Dorf war. Sie kamen dann und meldeten, bei wem man Getreide zum Mahlen abholen konnte. Das Getreide wurde vom Müllerknecht mit dem Planwagen abgeholt und in die Mühle gefahren.
Manchmal kamen auch die Bauern direkt mit dem Getreide in die Mühle, um über den Preis zu verhandeln oder ein kleines Schwätzle zu halten, über die Neuigkeiten zu tratschen usw....
Das Getreide wurde an einem bestimmten Eingang abgeladen und kam dann auf die Mühlwaage. Diese wurde einmal im Jahr vom Eichamt mit sämtlichen dazugehörenden Gewichten überprüft. Das Getreide wurde jetzt gewogen, die Sorte und Qualität ermittelt.
Da musste man schon aufpassen: Manch ein Bauer war so "gescheit", dass er oben drauf im Sack das gute Getreide gefüllt hatte und darunter viel schlechteres hatte oder es wurden schwere Gegenstände (Metall, Steine usw.) untergemischt! Dann wurde alles zusammen mit dem Namen erfasst.
Es wurde bei uns in drei Schichten rund um die Uhr gemahlen. Als erstes ging das Getreide über den Gerbgang (eine Reinigungsmaschine). Dort wurde es von Verunreinigungen wie Spreu, Staub, Unkraut oder Vogelfutter befreit. Diese Menge wurde extra erfasst und später vom Gesamtgut abgezogen. Erst dann wurde das Mahlgut zu den Mahlgängen gebracht und je nach verlangten Mehlsorten gemahlen. Ab hier war der Müller zum Teil Tag und Nacht in der Mühle tätig, natürlich mit Unterbrechungen und Schlafpausen. Wenn aber der Trichter leer gelaufen war und deshalb die Glocke ertönte, musste er den Schlaf unterbrechen, aufstehen und neu nachfüllen..."


