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"Das glücklichste aller Unglücke":
Der Tag von Echterdingen - Katastrophe und Neubeginn der Luftschifffahrt

 

Historische Aufnahme eines LuftschiffesIn Echterdingen wurde einst Luftfahrtgeschichte geschrieben: Am 5. August 1908 verunglückte hier das vierte Luftschiff des legendären Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917), nachdem es zuvor sicher auf einer Wiese gelandet war. Es wurde von einem starken Windstoß erfasst, aus der Verankerung gerissen, gegen Obstbäume getrieben und verbrannte.

Des Grafen Traum vom Fliegen schien ausgeträumt. Doch die Katastrophe wurde zum Glücksfall für die Luftschifffahrt: In Echterdingen, das durch das Unglück in aller Welt bekannt wurde, nahm die große Spendenaktion des deutschen Volkes ihren Anfang. Sie erbrachte mehr als sechs Millionen Mark und ermöglichte Graf Zeppelin die Fortsetzung seines Werkes auf sicherer finanzieller Grundlage. Der Zeppelin-Konzern in Friedrichshafen entstand. Der Zeppelin-Luftschiffbau nahm einen ungeheuren Aufschwung, der erst durch das Zeppelinunglück von Lakehurst am 6. Mai 1937 beendet wurde. Heute ist die Luftschifffahrt insbesondere durch die Neuentwicklung des Zeppelins NT, der im September 1997 seinen Jungfernflug erfolgreich absolvierte und inzwischen die Zulassung des Luftfahrtbundesamtes besitzt , wieder in aller Munde.
Der 5. August 1908 aber ist als "Der Tag von Echterdingen" in die Geschichte der Luftschifffahrt eingegangen: "...um dieses Ereignis, seine Voraussetzungen und Folgen kreist gewissermaßen die Zeppelingeschichte."

(Clausberg)

Die Anfänge

Das Jahr 1890 war für das deutsche Kaiserreich und Graf Zeppelin gleichermaßen ein Schicksalsjahr: Bismarck wurde als Reichskanzler entlassen ("der Lotse geht von Bord"), womit ein schwerwiegender außen- und innenpolitischer Systemwechsel eingeleitet wurde. Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917), der in württembergischen Diensten als Kavallerieoffizier und Diplomat Karriere gemacht hatte, musste in diesem Jahr aufgrund einer preußischen Intrige unter wenig ehrenvollen Umständen seinen Abschied aus der Armee nehmen. Er hatte in einer Denkschrift das Verhältnis zwischen dem preußischen und dem württembergischen Militär beleuchtet und sich gegen den preußischen Oberbefehl ausgesprochen. Für den Grafen, der mit Leib und Seele Soldat war, brach mit der Entlassung eine Welt zusammen. In seiner Ehre tief verletzt, suchte er in dieser persönlichen Krisensituation ein neues Betätigungsfeld und begann, sich intensiv mit der Idee eines lenkbaren Luftschiffes zu befassen.
Das hervorstechende Merkmal seiner Konstruktion war das starre System. Die riesige, zigarrenförmige Gestalt des Zeppelin´schen Luftschiffes wurde von einem aus Aluminiumverstrebungen bestehenden starren Gerippe bestimmt, das mehrere, von einander unabhängige, mit Wasserstoff gefüllte Traggaszellen in sich barg. Diese Konstruktion hatte gegenüber den konkurrierenden Systemen anderer Luftschiffbauer den Vorteil, dass sie schneller, stabiler und besser steuerbar war. Außerdem hatte das Zeppelin-Luftschiff eine größere Reichweite und eine größere Tragfähigkeit als die Prallluftschiffe und halbstarren Luftschiffe seiner Konkurrenten.
Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten war die Sensation am 2. Juli 1900 perfekt: das erste Luftschiff LZ 1 (LZ = Luftschiff Zeppelin) erhob sich vom Bodensee in die Luft. Richtig erfolgreich war Graf Zeppelin aber erst mit seinem dritten Luftschiff LZ 3. Nun begann sich auch die Militärverwaltung, die Graf Zeppelin bisher "zurückhaltend bis ablehnend" gegenübergestanden war, ernsthaft für sein System zu interessieren. Die Reichsregierung beschloss, Graf Zeppelin für den Ankauf von LZ 3 und den Bau eines neuen Luftschiffes insgesamt über zwei Millionen Mark zur Verfügung zu stellen. Im Frühsommer 1908 wurde das vierte Luftschiff (LZ 4) fertiggestellt. Vor einer finanziellen Unterstützung durch das Deutsche Reich machte man jedoch zur Bedingung, dass LZ 4 eine 24-Stunden-Dauerfahrt absolvieren, dabei 700 Kilometer zurücklegen und an den Ausgangspunkt seiner Fahrt zurückkehren müsse.

Die "Große Fahrt" des Luftschiffs LZ 4 und die Landung bei Echterdingen

Am 4. August 1908 stieg das 136 Meter lange Luftschiff früh morgens von Manzell bei Friedrichshafen zur mit Spannung erwarteten 24-stündigen Dauerfahrt auf. Für den Grafen - damals bereits 70 Jahre alt - stand viel auf dem Spiel: Er brauchte jetzt den Erfolg, um die Reichsregierung als Abnehmer zu gewinnen und sich finanziell zu sanieren, denn er hatte fast sein gesamtes privates Vermögen in seine Idee investiert. Von Manzell ging es zunächst nach Basel, von dort aus weiter rheinabwärts über Straßburg und Karlsruhe nach Mainz, das den Wendepunkt bilden sollte.
Die Fahrt wurde zum großen Triumph: Überall wurde dem Luftschiff ein begeisterter Empfang bereitet. Ganz Deutschland war im "Zeppelin-Fieber". Die 24-Stunden-Fahrt beherrschte die Schlagzeilen der Presse, die in Extra-Blättern über den Verlauf der Fahrt berichtete. Am späten Nachmittag musste das Luftschiff dann wegen eines Defekts am vorderen Motor in der Nähe von Oppenheim zwischenlanden. Der Schaden konnte behoben werden, am späten Abend stieg LZ 4 wieder auf. Bald wurde Mainz - der Wendepunkt - erreicht und Kurs zurück nach Friedrichshafen genommen. Dann aber gab es erneut technische Probleme, der vordere Motor - er stammte von Daimler - fiel gänzlich aus. Man beschloss, auf dem schnellsten Weg Stuttgart anzusteuern, um ihn in der Nähe des Untertürkheimer Daimler-Werks reparieren zu lassen. In Stuttgart wartete man bereits gespannt auf die Ankunft des Luftschiffs. Nachdem es am frühen Morgen des 5. Augusts unter dem Jubel der Bevölkerung den Talkessel überflogen hatte, nahm es Kurs in südlicher Richtung. Über den Fildern führte starker Gegenwind zu einer weiteren Verringerung der Fahrtgeschwindigkeit, das Luftschiff kam kaum noch voran. In dieser Situation beschloss man, auf der weitgehend baumlosen Filderebene zu landen. Gegen 8 Uhr morgens setzte das Luftschiff etwa einen Kilometer südöstlich von Echterdingen sanft auf einer Wiese auf. Es war eine der ersten gelungenen Landungen auf festem Boden, denn bis dahin starteten und landeten die Zeppelin´schen Luftschiffe normalerweise auf dem Wasser. Mit Hilfe der rasch herbeigeeilten Bevölkerung wurde es an der Spitze verankert, das Heck schwebte dagegen frei über dem Boden. So konnte es sich um seine Spitze drehen und in die Windrichtung einstellen. Württembergisches Militär eilte herbei, sperrte den Landeplatz ab und sicherte LZ 4.

LZ 4 mobilisiert die Massen

Die Nachricht von der Landung sprach sich wie ein Lauffeuer herum. Es gab kein Halten mehr, das gigantische Luftschiff zog die Menschen magisch an. Die Arbeit wurde liegen gelassen - was im pietistisch geprägten Württemberg viel bedeutete - und man eilte so schnell wie möglich zum Landeplatz. LZ 4 setzte die Gesetze des Alltags außer Kraft. Viele Betriebe und Geschäfte in Stuttgart schlossen. Binnen kurzem strömten Zehntausende - insbesondere aus der nahe gelegenen Landeshauptstadt - zusammen, um das Luftschiff zu bewundern. Die Schätzungen schwankten zwischen 40 000 und 100 000 Personen. "Wer es nicht selbst gesehen hat, kann sich keinen Begriff von dieser Völkerwanderung machen" schrieb die "Württemberger Zeitung". Um auf die Filder zu gelangen, benutzte man die Zahnradbahn nach Degerloch und stieg dort in die Filderbahn um. Auf den Bahnhöfen und in den Zügen herrschten chaotische Zustände; obwohl Sonderzüge eingesetzt wurden, waren die Waggons völlig überfüllt. Nach wenigen Stunden gingen die Fahrscheine aus.
Am Landeplatz herrschte Festtagsstimmung. Man war euphorisch, schien doch Graf Zeppelin im Begriff, einen alten Traum der Menschheit, den Traum vom Fliegen, zu verwirklichen.

Jubel um Graf Zeppelin

Die Landung von LZ 4 sorgte für Schlagzeilen. Neben dem Luftschiff galt das besondere Interesse der Zuschauer wie der Journalisten auch der Person seines charismatischen Schöpfers. Wenn er sich zeigte, brandete nicht enden wollender Beifall auf. Dem Vertreter der "Württemberger Zeitung" gelang es, mit Graf Zeppelin ins Gespräch zu kommen. In seinem Bericht wird - was damals die Regel war - das Ereignis überhöht dargestellt und Graf Zeppelin idealisiert: "...Und dann war ich da und sah das titanenhafte Werk, das ich morgens zum erstenmal in fernen Lüften gesehen hatte, majestätisch in erhabener Ruhe vor mir liegen. Mitten auf einer weiten Wiese, die ziemlich üppiges Gras trug, lag der Riesenbau und hob sich wundervoll von dem satten Grün ab. Mich durchrieselte ein Schauer scheuer Ehrfurcht, als ich mich ihm näherte, als ich ihn greifbar vor mir hatte und mit zagen Fingern seinen silberschimmernden Körper berührte... Die Zukunft der Menschheit, die Materie gewordene Revolution von Handel und Verkehr war es, die vor mir lag!
... Und nun stand ich zum erstenmal vor ihm, dem Helden des Tages, dem genialsten Meister der Gegenwart, dem Unsterblichen für alle Zukunft: vor Zeppelin. Keine Spur von Ermattung in seinen Zügen nach diesem Riesenflug... Mild und gütig, mit einem lieben Lächeln auf den Lippen, erzählt er mir, als ich mich ihm als Vertreter der `Württemberger Zeitung´ nenne... immer muß ich dabei diesen Mann ansehen... Wie sieht dieser Greis aus! Greis! Daß wir alle solche Greise würden! Diese festen, kühnen Linien, dieses klare, warme Auge mit dem energischen Blick, dieser Jugendmut, diese Summe von Kraft und wohltemperierten Temperament und dabei diese Herzensgüte, die ihm vom Gesicht leuchtet..."
Stark meinungsbetonte, emotionale Berichte dieser Art waren es, die das Bild Graf Zeppelins und seiner Arbeit in der Öffentlichkeit maßgeblich prägten und bis auf den heutigen Tag bestimmen. Denn: Die Presse beeinflusste die öffentliche Meinung in einer Zeit, als es weder Fernsehen noch Rundfunk gab, entscheidend.
Und nicht zu vergessen: Graf Zeppelin war ein Meister in Sachen Public Relations, der es sehr geschickt verstand, seine Idee zu propagieren und die Presse dafür zu instrumentalisieren (später wurde er hierbei von seinem Mitarbeiter Hugo Eckener unterstützt). So gab es einen bestimmten Kreis von Zeitungen, die von ihm noch während der Fahrt durch Ballonpostkarten und Telegrammen bevorzugt informiert wurde. Zu diesem "inneren Kreis" gehörte neben dem "Schwäbischen Merkur" und dem Stuttgarter "Neuen Tagblatt" unter anderen auch die "Württemberger Zeitung".

Die Katastrophe

Historische AufnahmeGegen Mittag wurde dem umjubelten Grafen der Rummel um seine Person zu viel.
Er begab sich in das nahe gelegene Echterdingen und zog sich dort in den altehrwürdigen Gasthof "Hirsch", der
zugleich auch Poststation war, zurück, um Telegramme aufzugeben und sich etwas auszuruhen. Mit der Ruhe war es freilich
bald vorbei, in Echterdingen sprach sich die Ankunft des berühmten Gastes rasch herum. Eine große Menschenmenge feierte ihn begeistert, sodass er sich gezwungen sah, eine Ansprache zu halten, die mit dem Absingen des "Deutschlandlieds" endete.
Graf Zeppelin stand vor dem entscheidenden Durchbruch seiner Idee. Alles war voller Euphorie und Zuversicht, als es infolge eines plötzlichen Wetterumschwungs zur Katastrophe kam: Gegen drei Uhr nachmittags näherte sich Echterdingen plötzlich eine dunkle Gewitterfront mit stark böigem Wind. Da ging am Landeplatz ein Schrei durch die Menge: Das Luftschiff wurde an der Längsseite von einem heftigen Windstoß erfasst, das Heck in die Höhe gehoben und die Verankerung aus dem Boden gerissen. Die Haltemannschaft, die aus ungefähr 60 Soldaten bestand, stemmte sich vergebens dagegen. Ein paar der wackeren Männer wurden wenige Meter mithochgezogen. Erst auf ausdrücklichen Befehl ließen sie die Seile los, um dann recht unsanft auf dem Hosenboden zu landen. Das Luftschiff wurde über die Köpfe der entsetzten Zuschauer in östlicher Richtung weggetrieben. Tausende nahmen die Verfolgung auf und wurden Augenzeugen einer dramatischen Rettungsaktion: Ein Monteur, der sich noch an Bord befand, versuchte das Luftschiff durch Ziehen der Ventile zum Landen zu bringen. Dies schien auch zu gelingen: Wasserstoff entwich aus denn Traggaszellen, der Auftrieb verringerte sich, das Luftschiff verlor an Höhe. Nach 1200 Metern aber war die Reise zu Ende: Das Luftschiff streifte die Kronen einiger Obstbäume. Infolge elektrostatischer Entladungen entzündeten sich 15 000 Kubikmeter Wasserstoff, LZ 4 ging in wenigen Sekunden in Flammen auf. Der mutige Mann konnte sich übrigens in letzter Sekunde durch einen Sprung ins Freie retten. Vom stolzen Luftschiff blieb nur ein verbogenes, rauchgeschwärztes Aluminiumgerippe übrig, das ein ebenso bizarres wie trauriges Bild bot. Am Unglücksort herrschte Totenstille, die Menschen waren schockiert, viele weinten. War dies das Ende des Zeppelin´schen Traums vom Fliegen?
Die Hiobsbotschaft, die wie eine Bombe in die Festtagsstimmung platzte, wurde Graf Zeppelin kurz nach drei Uhr im "Hirsch" in Echterdingen überbracht. Er war bis ins Mark getroffen, sein Lebenswerk schien mit einem Schlag vernichtet, seine ganzen Anstrengungen umsonst gewesen zu sein. Sein Biograph Hans Rosenkranz schrieb: "Mit beiden Händen... faßt der Greis sich an den Kopf, tastet mit bebenden Fingern seinen Schädel ab, als sei er `ins Hirn´ gehauen. Dann stürzt er die Treppe hinab, in ein Auto; in rasender Fahrt geht es hinaus zum Feld. Die Tausende bilden eine schmale Gasse, und wenige Minuten später steht ein leidgeschlagener Mann vor den Trümmern seines Werkes".Schenkt man den Memoiren eines später berühmt gewordenen Augenzeugen Glauben - es handelt sich um den Flugzeugpionier Ernst Heinkel (1888-1958) - dann hat der Graf am Unglücksort gesagt: "Ich bin ein verlorener Mann". 

Das Zeppelinunglück - ein publizistisches Großereignis

Die Nachricht von der Vernichtung des Luftschiffs traf die deutsche Bevölkerung "wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel", sie wurde als "nationales Unglück" empfunden. Das Geschehene bewegte alle Schichten der Bevölkerung, den einfachen Bauern und Arbeiter wie den Intellektuellen. Der Dichter und Dramatiker Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), der das Geschehene mit den Tragödien Shakespeares verglichen hat, formulierte es so: "...Nichts an dieser Katastrophe mutet `zufällig´ an ... Nie konnte irgendeine Art von ungetrübtem Erfolg das Genie dieses Mannes (Graf Zeppelins; der Verf.) in solcher Weise krönen wie diese von keiner Phantasie zu überbietende Verbindung von Triumph und Katastrophe. Auf keine Art konnte das Heroische an der Figur dieses tapferen alten Menschen und das Pathos seines ganzen Daseins so blitzartig in die Gemüter von Millionen von Menschen geschleudert werden als durch diese während einer halben Minute aufschlagende Riesenflamme..." Sowohl in der deutschen als auch in der internationalen Presse wurde in großer Aufmachung über die "Katastrophe von Echterdingen" berichtet. Die damals etwas mehr als 2000 Einwohner zählende Gemeinde Echterdingen wurde so in aller Welt bekannt. Das spektakuläre Ende von LZ 4 war ein publizistisches Großereignis, das die Schlagzeilen der Presse beherrschte und in unzähligen Berichten und Kommentaren seinen Niederschlag fand. Kein zweites Thema hat die Öffentlichkeit im deutschen Kaiserreich 1908 so sehr bewegt und beschäftigt wie dieses. Auch die internationale Presse berichtete ausführlich, und zwar in aller Regel mit Sympathie und Anteilnahme, jedenfalls ohne Häme oder Triumphgefühle. In der englischen "Daily Mail" vom 6. August 1908 z.B. war auf der ersten Seite die Überschrift zu lesen: "Es war ein Mißerfolg, aber ein glorreicher Mißerfolg". Auch der "Daily Mirror" berichtete in großer Aufmachung. Die "Evening News" übersandte Graf Zeppelin gar ein "aufmunterndes Telegramm." Die Reaktion der englischen Presse ist insofern bemerkenswert, als zwischen beiden Nationen wegen der deutschen Weltmachtpolitik und des von Kaiser Wilhelm II. und Großadmiral von Tirpitz forcierten Flottenwettrüstens quasi "kalter Krieg" herrschte. Ähnlich mitfühlend berichtete übrigens auch die französische Presse "und erwies ohne Ausnahme der Person Zeppelins die Honneurs" (Zeising).

Die Volksspende und der Neubeginn der Luftschifffahr

Am Nachmittag des 5. Augustes schien Graf Zeppelin am Ende zu sein. Doch es kam anders: Noch am Unglücksort verwandelten sich die Betroffenheit und Fassungslosigkeit des Publikums in Beifall und Zuspruch. Man kam auf die Idee, für den Grafen zu sammeln, um ihm die Fortsetzung seines Werkes zu ermöglichen. Der Legende nach soll die Spende im Gasthof "Hirsch", wohin der Graf nach dem Besuch der Unglücksstätte wieder zurückgekehrt war, ihren Anfang genommen haben. Danach soll ein älterer Bauer Graf Zeppelin seine Geldbörse mit 5 Mark Inhalt übergeben haben. Sicher ist: In Echterdingen nahm die große Spendenaktion des deutschen Volkes, die binnen weniger Monate über 6 Millionen Mark erbrachte, ihren Anfang. An der Sammlung beteiligten sich Personen aller Schichten und jeden Alters ebenso wie Unternehmen, Verbände, Städte und Gemeinden. Die Zeitungen machten die Volksspende zu ihrer Sache und veröffentlichen Spendenaufrufe. Durch das sensationelle Ergebnis der Spende war Graf Zeppelin aller finanzieller Sorgen enthoben, sein Unternehmen erhielt jetzt eine solide materielle Basis. Aus der "Katastrophe von Echterdingen" wurde das "Wunder von Echterdingen". Echterdingen wurde so zu einem Markstein in der Geschichte der Luftschifffahrt. In einem an die Gemeinde gerichteten Dankschreiben hat Graf Zeppelin dies selbst auf den Punkt gebracht und den 5. August 1908 als "die Geburtsstunde der nationalen Luftschifffahrt in Deutschland" bezeichnet. Millionenbeträge flossen nun nach Friedrichshafen am Bodensee: Der Zeppelin-Konzern entstand. Noch im Jahr 1908 wurden die Luftschiffbau Zeppelin GmbH und die Zeppelin-Stiftung gegründet. Weitere Unternehmen folgten. Friedrichshafen wurde zum High-Tech-Standort: "Eine Volksspende ...half eine Zukunftsindustrie aus dem Boden zu stampfen, ein einmaliges Beispiel in der deutschen Industriegeschichte." (Boelcke)
Der Luftschiffbau boomte in den nächsten drei Jahrzehnten. Es war "die Geschichte eines unwahrscheinlichen Erfolges" (Clausberg), die erst durch das Zeppelinunglück am 6. Mai 1937 - die "Hindenburg" verbrannte bei Lakehurst - ihr (vorläufiges) Ende fand.

Der Zeppelin als Symbol nationaler Stärke

Fragt man nach den Gründen für die heute kaum noch nachvollziehbare Zeppelin-Begeisterung, spielen die ästhetische Faszination und die Begeisterung für den technischen Fortschritt sicherlich eine wichtige Rolle. Es schwangen aber auch nationale Töne mit, die nicht selten in dumpfen Nationalismus oder Chauvinismus umschlugen. Das Zeppelin´sche Luftschiff gab dem neuen deutschen Wertgefühl Ausdruck, es wurde quasi zum Symbol für die Stärke des nach außen hin gerne Selbstbewusstsein demonstrierenden wilhelminischen Kaiserreichs, das nach der Entlassung Bismarcks als Reichkanzler im Jahr 1890 Anspruch erhob, eine Weltmacht zu sein. Dieses Symbol, mit dem man nicht zuletzt auch die Hoffnung auf militärische Überlegenheit in der Luft verband, wollte sich die Nation, die im kolonialen Wettlauf mit England und Frankreich zu spät gekommen war, nicht nehmen lassen, nachdem LZ 4 bei Echterdingen verbrannt war. Das Zeppelin-Unglück einte die Nation, das Luftschiff wurde zum "Objekt der nationalen Identifikation" (Kleinheins). Mit einer Spende für Graf Zeppelin bewies man gleichzeitig seine nationale Gesinnung. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung entschloss sich die Reichsregierung übrigens, die 24-Stundenfahrt als erfolgreich anzuerkennen, ihm die in Aussicht gestellten finanziellen Mittel zu gewähren und Luftschiffe für das Militär anzukaufen. So stand die militärische Nutzung zunächst im Vordergrund. Im Ersten Weltkrieg lösten deutsche Zeppeline über englischen und französischen Städten Furcht und Schrecken aus. Damit wurde der Krieg in die dritte Dimension getragen. Graf Zeppelin war ein entschiedener Befürworter dieser Art der Kriegführung - ein Aspekt der in der Zeppelinliteratur lange vernachlässigt wurde. Seiner Popularität hat dies keinen Abbruch getan.

Volksheld Graf Zeppelin

Nach den Ereignissen von Echterdingen nahm die Zeppelinbegeisterung bisher ungeahnte Formen an: Graf Zeppelin wurde ungeheuer populär. Der einige Jahre zuvor noch als "Narr vom Bodensee" Verspottete wurde zum Volkshelden, avancierte quasi zum "Ersatzkaiser" für den sprunghaften, wenig beliebten Kaiser Wilhelm II.. Graf Zeppelin wurden die Eigenschaften und Tugenden zugesprochen, die Wilhelm II. nicht hatte. Man bewunderte den Grafen als den 'Eroberer der Luft', seinen "standhaften Mut im Unglücke" (Eckener), seine Tatkraft.
Unmittelbar nach dem 5. August hatte ihn Wilhelm II. noch als "von all den Süddeutschen den Dümmsten" bezeichnet; im November 1908 verlieh er ihm dann chamäleonartig den "Schwarzen Adlerorden", die höchste zu vergebende Auszeichnung, und bezeichnete ihn als "den größten Deutschen des Jahrhunderts" - das Jahrhundert war gerade acht Jahre alt.

Noch am Tag des Unglücks entwickelte sich ein regelrechter Zeppelinkult, der mitunter recht skurrile Formen annahm: An der Unglücksstelle wurden Reste des Luftschiffs - angeschwärzte Aluminiumteile und Fetzen der Hülle - zu begehrten Souvenirs, die von Echterdinger Buben für 5 Mark das Stück verkauft wurden. Die Teile wurden häufig wie Reliquien eingerahmt und hinter Glas gesetzt. Die Firma Carl Berg in Lüdenscheid, die das Aluminiumgerüst für LZ 4 hergestellt hatte, fertigte aus seinen Resten Löffel und Gedenkmünzen, die reißenden Absatz fanden. Die aufstrebende deutsche Industrie schlug aus der Popularität des Grafen kräftig Kapital und vermarktete seine Person mehr oder weniger geschmacklos. Gegenstände des täglichen Gebrauchs - meist billige Massenware - wurden mit seinem Porträt etikettiert und erhielten so den Charakter von Devotionalien. Dies rief schon die Kritik der Zeitgenossen hervor. So bemängelte der Leiter des württembergischen Landesgewerbemuseums, Gustav Pazaurek, die fehlende ästhetische Qualität dieser Produkte, die er als "Aktualitätskitsch" bezeichnete. Er entrüstete sich: "Münzen und Bonbonnieren, Westen und Hosenträger, Christbaumschmuck, Seifenpulver, Schnurrbartbinden und Hunderte anderer Dinge wurden mit dem genialen Luftschiffer in Verbindung gebracht; aber selbst die offiziellen oder halboffiziellen Erzeugnisse, wie die Verschlußmarken oder die Aluminiumlöffel aus dem Gestänge der vernichteten Fahrzeuge ließen einen künstlerischen Wert vermissen..." Graf Zeppelin führte bis zu seinem Tode in mehreren Fällen Prozesse, um sich gegen die nicht autorisierte Vermarktung seines Namens zu wehren.

Der Zeppelinstein - ein Zeichen deutscher Treue

In Echterdingen identifizierte - und identifiziert - man sich in besonderem Maße mit Graf Zeppelin und seinem Luftschiff LZ 4. Von der heute kaum noch nachvollziehbaren Zeppelinbegeisterung der damaligen Tage legt der wenige Monate nach dem Unglück am Platz der Landung eingeweihte Zeppelin-Gedenksteinstein Zeugnis ab, der zu einer Art Wahrzeichen von Echterdingen wurde. Karl Weiland aus Esslingen dichtete anlässlich der Einweihung:
Ein Zeppelin am Himmel über dem Zeppelinstein"Graf Zeppelin, der Lüfte Held!
Wo Sturmeswut entflammt,
zerschellt Sein Schiff, zur tiefsten Trauer.
Doch nur zum Segen war das Leid:
Die nationale Einigkeit
Bewährte sich aufs neue;
Zum neuen Werk half groß und klein!
Deß soll der Stein hier Zeuge sein,
Ein Denkmal deutscher Treue!"

Weniger pathetisch und national reimten die Kinder zur gleichen Zeit:
"Zeppelin hin, Zeppelin her
Zeppelin hat kein Luftschiff mehr.
Zeppelin hoch, Zeppelin nieder,
Zeppelin hat sein Luftschiff wieder.
Zipp - Zapp - Zeppelin
´s Luftschiff ist schon wieder hin."

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