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4 Bilder vom Krautanbau und der Krauternte in früheren Zeiten

Die Anfänge des Krautanbaus

Wie Württemberg insgesamt waren auch die Dörfer auf den Fildern in den vergangenen Jahrhunderten sehr stark agrarisch geprägt. Erst mit der Industrialisierung Stuttgarts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Ansiedlung von (wenigen) Industriebetrieben zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich ihre Wirtschafts- und Sozialstruktur langsam zu verändern. In den Jahrhunderten zuvor aber war die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig. Sie stellte die Ernährungsgrundlage für die Bewohnerinnen und Bewohner der Filder dar und prägte ihr Leben in fast allen Bereichen. Handwerk, Gewerbe und Handel spielten nur eine untergeordnete Rolle.

Viele KrautköpfeDie Filder waren aufgrund ihrer besonderen geologischen und klimatischen Eigenschaften für den Ackerbau im allgemeinen und den Krautanbau im speziellen geradezu prädestiniert. Schon der Vater von Friedrich von Schiller, Major J. C. Schiller, hat 1769 die Eignung der Filder für den Krautbau besonders hervorgehoben: "Kohlkraut ist eine Küchenpflanze, wird aber viel, und besonders das meiste und beste Kohlkraut auf den Fildern im Ackerfeld gebauet. Es erfordert einen gelinden, sehr fetten und wohlgearbeiteten Boden, in welchen die Pflanzen, die man in Küchengärten erzeugt, in Stuffen gesetzt, und wenn sie etwas erwachsen, mit gut verwesenem Dung, Gerberhaaren, Hornspähnen und dergl. umgelegt und zugefelgt werden".

Nach Wolf-Dieter Sick ist "die Grundlage der großen Fruchtbarkeit der Filder ... die Überdeckung der Liasplatte mit den tiefgründigen Filderlehmen des Lias und verlehmtem Diuviallös; ihre Fähigkeit, Feuchtigkeit und Bodensalze zurückzuhalten, begünstigt den Anbau... Die Bodenklimazahlen der zentralen Fildergemeinden liegen allgemein über 65 und erreichen in Echterdingen sogar 76. Ungünstiger gestellt sind die Randgemarkungen..."

Aufgrund dieser Feststellungen kann es nicht verwundern, dass die mittleren Filder - also das Gebiet um Echterdingen, Plieningen, Bernhausen und Sielmingen - als das eigentliche und wichtigste Krautanbaugebiet gilt. Frauendorfer, der die erste wissenschaftliche Arbeit über den Krautanbau auf den Fildern verfasste, vermutet in diesem Gebiet auch die Anfänge des Krautanbaus auf den Fildern. Diese Anfänge lassen sich jedoch nicht einmal grob datieren. Wahrscheinlich gehen sie bis in das Mittelalter zurück.

Es wird vermutet, dass im Kloster Denkendorf im 16. Jahrhundert die ersten Versuche zur Züchtung des Krauts unternommen wurden. Die früheste bisher bekannte urkundliche Erwähnung des Krauts bezieht sich auf Stetten: In einem aus dem Jahr 1501 stammenden Lagerbuch des Klosters Salem, das in Stetten Besitzungen hatte, ist von "Zwei juchert ackers am kruttgartten", also von einem Krautgarten die Rede. Unklar ist, ob es sich dabei um Spitzkraut oder um Rundkraut handelte. Erstmals schriftlich erwähnt wird das Spitzkraut nämlich erst 1772 in Aufzeichnungen des Bernhäuser Pfarrers Bischoff.

Blick über FilderkrautfelderDie Filder sind noch heute - trotz zurückgehender Anbauflächen - eines der wenigen geschlossenen Anbaugebiete für Weißkohl in Deutschland. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm die Krautbaufläche auf den Fildern stark zu, während sie im 20. Jahrhundert wieder abnahm. Angebaut wurde das Kraut im Rahmen der Dreifelderwirtschaft, eines über Jahrhunderte bewährten Ackerbausystems.

Die Entwicklung der Anbauflächen

In den 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts wurden auf den Fildern 800 Morgen (= 252 Hektar) Ackerland mit Kraut bepflanzt. Der Ertrag lag bei 323.000 Krautköpfen und brachte einen Erlös von rund 70.000 Gulden. Um 1800 betrug die Anbaufläche 300 Hektar. Das Filderkraut begann sich nun zu einem der wichtigsten Anbauprodukte der Filder zu entwickeln. Bei diesem Prozess wurden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts andere, traditionelle Anbauprodukte wie Flachs und Hanf immer mehr verdrängt. Für den Berufsstand der Weber, der diese Erzeugnisse verarbeitete, hatte dies sehr nachteilige Folgen. Etwa hundert Jahre später, 1885, wurde auf den Fildern Kraut bereits auf etwa 500 Hektar angebaut, etwa 300.000 Zentner im Wert von rund 240.000 Reichsmark konnten geerntet werden. Seine eigentliche Bedeutung für die Filder sollte der Krautanbau aber erst im 20. Jahrhundert erhalten.

Frauendorfer hat die Entwicklung der Krautanbaufläche auf den Fildern beschrieben, wobei er auf Unterlagen des statistischen Landesamtes zurückgreifen konnte. Dabei wurden nur die elf wichtigsten Anbaugemeinden, nämlich Bernhausen, Birkach, Echterdingen, Leinfelden, Möhringen, Neuhausen, Obersielmingen, Plattenhardt, Plieningen, Scharnhausen und Untersielmingen berücksichtigt. In diesen Gemeinden hat die Anbaufläche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark zugenommen. Sie stieg zwischen 1854 und 1903 von 510 auf 919 Hektar, hat sich also nahezu verdoppelt.

Die bedeutendsten Krautanbaugemeinden waren Bernhausen, Echterdingen, Plieningen und Möhringen. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Bernhausen die größte Anbaufläche aller Krautanbaugemeinden, 30 Jahre später wurde es dann von Echterdingen übertroffen, dessen Anbaufläche sich in den 1870er und 1880er Jahren mehr als verdoppelte. Um die Jahrhundertwende erreichte Echterdingen dann die größte Krautanbaufläche in seiner Geschichte, nämlich 168 Hektar, und war damit die größte Anbaugemeinde auf den Fildern (Bernhausen: 68 Hektar; Möhringen: 152 Hektar, Plieningen: 154 Hektar). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen dann aber vor allem Plieningen und Möhringen als Krautanbaugemeinden stark auf, während in Echterdingen die Fläche langsam zurückging. Während des ersten Weltkriegs verstärkte sich der Anbauflächenrückgang in Echterdingen, während in Bernhausen die Anbaufläche wieder zunahm. Zu Beginn der 1920er Jahre verfügte Echterdingen nur noch über 87 Hektar, während Plieningen 135 Hektar Krautanbaufläche hatte und Bernhausen 85 Hektar.

Fünf Menschen in Echterdinger TrachtEs fällt auf, dass während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) die Krautanbaufläche kleiner wurde. In dieser Zeit der Kriegs- und Zwangswirtschaft gingen in Württemberg die landwirtschaftlichen Roherträge insgesamt zurück. Nach Willi A. Boelcke waren hierfür der "Mangel an Dünge- und Futtermitteln, an Arbeitskräften, Zugvieh und landwirtschaftlichem Gerät" verantwortlich. Dies könnte auch in unserem Fall der Grund für den Rückgang sein.

Wie aber ist die starke Zunahme der Sonderkultur Kraut in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erklären? Mehrere Gründe sind hierfür wahrscheinlich maßgeblich. Zunächst einmal war der Krautanbau offensichtlich rentabler als der anderer Produkte, wie etwa Getreide. Die Getreidepreise waren seit den 1870 Jahren wegen der Einfuhr billigen Getreides aus Übersee gesunken. Ein weiterer Grund für die Zunahme der Krautanbaufläche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt darin, dass sich durch die Aufhebung der alten, aus dem frühen Mittelalter überkommenen feudalen Agrarverfassung die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Landwirtschaft entscheidend verbessert hatten.

Alte Traktoren beim KrautfestumzugErst jetzt hatten die Bauern definitiv die Freiheit, anzubauen, was sie wollten, mussten sich aber auch an die Risiken des freien Markts gewöhnen und diese einzuschätzen lernen. Die Entwicklung der württembergischen Landwirtschaft war von nun an geprägt von einer zunehmenden Intensivierung und Spezialisierung. Durch die zunehmende Bebauung der Brache wurden neue Flächen gewonnen, die insbesondere für den Anbau von Hackfrüchten, Futterpflanzen, Zuckerrüben, Hopfen, Zichorie - und auf den Fildern insbesondere Kraut - genutzt wurden.

Äußerlich schienen die vier Stadtteile noch in den 1920er und 1930er Jahren stark von der Landwirtschaft geprägt zu sein. In Wirklichkeit hatte im Erwerbsleben längst ein Strukturwandel eingesetzt, der auf die Ansiedlung von Industrie und die Nähe der Industriestadt Stuttgart zurückzuführen ist. Zwar übertraf in Echterdingen im Jahr 1908 die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe (190) noch die der gewerblichen (155), doch war der wirtschaftliche und soziale Strukturwandel bereits eingeleitet. 1933 waren dann bereits 42,6% der Erwerbstätigen in Industrie und Handwerk und nur noch 31,4 % in der Landwirtschaft beschäftigt. In Musberg waren 1933 noch 146 Personen in der Landwirtschaft hauptberuflich tätig gegenüber 334 in Handwerk und Industrie Beschäftigten. Die Bedeutung der Landwirtschaft als Erwerbsquelle nahm seitdem ständig ab. Auch der Rückgang der Krautanbauflächen ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

Wenn auch der Anbau des Filderspitzkrauts inzwischen selten geworden ist: Aussaat, Auspflanzen der Setzlinge, Pflege, Ernte und Einlagerung haben sich im Wandel der Zeiten nur wenig verändert. Die wichtigsten Informationen zum "Krautanbau auf den Fildern heute" hat der Filderstädter Stadtarchivar Nikolaus Back zusammengefasst.

Kraut und Feste

Ein Mädchen reicht einen Krautkopf vom WagenIn Leinfelden-Echterdingen spielte - und spielt - das Kraut bei Festen eine wichtige Rolle. Besonders in Echterdingen war das Kraut schon seit langem ein Bestandteil der Festkultur. Man präsentierte das Kraut, dem man einen großen Teil seines Wohlstands verdankte, immer wieder stolz: Der Spitzkrautkopf war ein Produkt, mit dem sich die Bevölkerung identifizierte. Eine Zeit lang schmückte das Spitzkraut sogar den Kopf des Filder-Boten.

Oft wurde das Kraut auch von Bauern in Echterdinger Tracht, die eine spezielle Variante der Fildertracht ist, voller Stolz vorgeführt. Sich eine Echterdinger Tracht mit ihren silbernen Rollenknöpfen zu leisten, war und ist eine kostspielige Angelegenheit. Die Träger der Tracht konnten sie sich wohl nicht zuletzt wegen ihrer Einnahmen aus dem Krautanbau leisten, wie vermutet werden darf. Noch heute wird die Tradition der Tracht gepflegt, und zwar vom Verein "Echterdinger Tracht".

Eine Kapelle spielt beim KrautfestIm alljährlichen Festkalender der Stadt Leinfelden-Echterdingen spielt das seit 1979 bestehende Filderkrautfest eine zentrale Rolle. Zu einem Zeitpunkt ins Leben gerufen, als das Rundkraut sich längst gegen das Spitzkraut durchgesetzt hatte, förderte es nicht nur dessen Absatz und verbesserte damit das Einkommen der Landwirte, sondern trug auch wesentlich dazu bei, das in seiner Existenz bedrohte Filderspitzkraut im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

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