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Gespräch mit Diplom Geografin Heike Bartenbach von der Universität Tübingen über die wichtigsten Inhalte der Einzelhandels-Untersuchung

Frau Bartenbach, Sie haben mit Ihrer Arbeitsgruppe den Einzelhandel in Leinfelden-Echterdingen gründlich untersucht. Wie sieht die Situation aus?

In Leinfelden-Echterdingen gibt es derzeit eine sehr gute Nahversorgung. In allen vier Stadtteilen sind Einkaufsmöglichkeiten für eine Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner wohnungsnah erreichbar. Eingekauft wird vielfach auch zu Fuß. Waren des tägliches Bedarfs sind überall erhältlich, auch die kleineren Stadtteile Musberg und Stetten haben ein Lebensmittel-Vollsortiment, daneben Drogeriewaren, Zeitschriften, Schreibwaren etc. Nur in Oberaichen ist das Angebot lückenhaft. Leinfelden und Echterdingen bieten darüber hinaus sehr gute Angebote im Bereich Fachhandel.

"Es gibt fast alles" war eine häufige Aussage der befragten Bewohner.

Insgesamt wird vieles vor Ort gekauft, das zeigt auch die hohe Kaufkraftbindung. Der tägliche Bedarf wird zu fast 100 % in der Stadt gedeckt. Dagegen ist beim mittel- und langfristigen Bedarf, insbesondere bei der Bekleidung, eine starke Orientierung nach Stuttgart festzustellen.

Was wurde bei Ihren Befragungen kritisiert?

Am meisten kritisiert wurden die uneinheitlichen Öffnungszeiten der Geschäfte. Defizite im Angebot gibt es bei Frischwaren, bei Bekleidung und vor allem bei Schuhen, insbesondere in einer mittleren Preisklasse. Bemängelt wurden ferner die vergleichsweise hohen Preise einiger örtlicher Geschäfte. Die Verkehrsbelastung und die Parksituation, vor allem am Abend, stört viele Innenstadtbesucher, insbesondere in Echterdingen.

Wie wird sich der Einzelhandel in Leinfelden-Echterdingen weiter entwickeln?

Aktuelle Entwicklungen im Einzelhandel wie Konzentration und Filialisierung werden auch an Leinfelden-Echterdingen nicht vorbei gehen. Die Anzahl der kleinen Geschäfte wird sich verringern. Einzelne Läden an abgelegenen Standorten werden es besonders schwer haben.

Sie schreiben in Ihrem Gutachten, Kunden erwarten heute ein umfassendes Angebot, gute Erreichbarkeit, günstige Preise und das am besten alles unter einem Dach. Das spricht für Supermärkte und Einkaufszentren wie z.B. das "Breuningerland". Werden wir in Zukunft alle in Einkaufszentren einkaufen? Wird es Nahversorgung und kleine Einzelhandelsgeschäfte überhaupt noch geben?

Einkaufen beinhaltet heute vielfältige Bedürfnisse und Aspekte: Nahversorgung neben Shopping-Tourismus, Billigeinkauf neben Luxus- und Erlebniseinkauf. Es existieren vielerlei Verhaltensweisen nebeneinander: Erstens: Einkaufen soll schnell gehen, zumindest wenn es um die Grundversorgung geht. Das erwarten insbesondere auch berufstätige Kunden. Zweitens: Eine angenehme Einkaufsatmosphäre ist neben Frische und Qualität der Waren ein wichtiges Kriterium für über 90 % der Kunden. Trotz hoher Mobilität sucht eine Mehrheit der Kunden zunächst am Wohnort und kauft gerne in der Nachbarschaft ein, sofern Angebot und Preise stimmen.

Andererseits gibt es den Trend zum Erlebniseinkauf: Einkaufen als Freizeitvergnügen mit Bummeln, Essen, Trinken, Kultur... Dafür nehmen Kunden auch weitere Wege in Kauf. Moderne Einkaufszentren, die sich heute als "Mall", "Village" und "Galerie" präsentieren, haben urbane Elemente, wie Gassen, Plätze und Kleinteiligkeit ("Shop-in-Shop"-Prinzip) aufgegriffen und stehen nun in Konkurrenz zu den Innenstädten.

Um gegen Einkaufszentren bestehen zu können, müssen sich die Innenstädte auf ihre Stärken besinnen: historische Strukturen, Vielfalt, Lebendigkeit, Stadtkultur. Und gleichzeitig die Erfolgskriterien der Einkaufszentren aufgreifen: gute Erreichbarkeit und Parkmöglichkeiten, Sauberkeit, einheitliche Öffnungszeiten. Das erfordert eine Zusammenarbeit aller Beteiligter im Sinne eines Stadtmanagements.

Ist das Internet eine Bedrohung für den Einzelhandel? Werden wir eines Tages nur noch Online einkaufen?

Sicher nicht. Der Umsatzanteil am gesamten Einzelhandel ist bisher gering, wird aber in einigen Bereichen stark wachsen. Eine wesentlich wichtigere Rolle als beim Online-Einkauf spielt das Internet schon heute bei der Information. Etwa ein Viertel der Kunden informiert sich vor der Kaufentscheidung auch im Internet, bei jungen Menschen und bei Berufstätigen liegt der Anteil deutlich höher. Denken Sie an die vielen Beschäftigten in der EDV-Branche, die in Leinfelden-Echterdingen stark vertreten ist.

Langfristig wird sich der Gegensatz zwischen stationärem Einzelhandel auf der einen Seite und Internethandel auf der anderen Seite nicht halten. Bereits heute bieten viele Geschäfte ihre Waren und Informationen im Internet an. Auch lokale Einzelhändler können das Internet als Medium nutzen. Den Einzelhandel ersetzen wird das Internet nicht, denn zum Einkaufen gehört auch das "in die Stadt gehen", das Anschauen und Anfassen.

Sie haben für das Gutachten neben den Bewohnern auch die Beschäftigten befragt. In Leinfelden-Echterdingen gibt es 18 000 Einpendler. Kaufen die hier ein? Sind sie ein Kundenpotential für den lokalen Einzelhandel?

Die Untersuchung von Beschäftigten und Pendlern in Bezug auf den Einzelhandel ist in der Tat etwas Neues. Normalerweise wird der Einzelhandel nur im Zusammenhang mit der Wohnbevölkerung untersucht. Insgesamt betrachtet spielt der Einkauf am Arbeitsort bisher eine eher untergeordnete Rolle. Die Mehrheit der Beschäftigten kauft nach wie vor überwiegend am Wohnort ein. Dennoch gibt es eindeutige Trends. Der Einkauf am Arbeitsort oder auf dem Weg zur Arbeit wird zunehmend wichtiger werden.

Für viele Beschäftigte, gerade im Dienstleistungsbereich mit relativ langen und späten Arbeitszeiten, haben die Geschäfte nach Feierabend schon geschlossen. Es gibt eine zunehmende Zahl Ein- und Zweipersonenhaushalte, in denen keine Ehefrau zuhause den Einkauf erledigt und den Tisch deckt. Mit den Lebens- und Arbeitsverhältnissen verändert sich auch das Einkaufen.

Was erwarten Berufstätige vom Einzelhandel?

Ganz wichtig sind Lebensmittel und Gastronomieangebote: Gut, frisch und schnell soll es sein. Problematisch ist bisher die Erreichbarkeit von den Gewerbegebieten aus. Auch die Öffnungszeiten werden sich viel stärker an den Bedürfnissen der Berufstätigen orientieren müssen. Der Service wird in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Hier gilt es z.B. über Bestell- und Liefermöglichkeiten nachzudenken. Für pfiffige Einzelhändler und Dienstleister gibt es hier noch viele Nischen.

Was muss jetzt in Leinfelden-Echterdingen passieren?

Zuerst muss die Information über das gute vorhandene Angebot verbessert werden. Während alteingesessene Bürgerinnen und Bürger gut Bescheid wissen, was wo erhältlich ist, bestehen bei Neuzugezogenen und insbesondere auch bei Pendlern große Informationsdefizite. Langfristig gilt es, verstreute Standorte zu bündeln, die Erreichbarkeit zu verbessern und Belastungen durch den Verkehr zu reduzieren. Die Kundenfreundlichkeit einzelner Geschäfte, ebenso wie die der Gesamtstadt muss immer wieder neu überprüft und optimiert werden.

Sie haben Empfehlungen an die Einzelhändler, an die Stadtverwaltung, an Investoren und Vermieter ausgesprochen. Was raten Sie den Kundinnen und Kunden?

Zunächst: Nahversorgung gibt es nicht umsonst. Kleine Geschäfte in der Nachbarschaft können preislich kaum mit großem Märkten mithalten. Andererseits können sie durch ihre gute Erreichbarkeit Zeit und Geld sparen. Wenn Ihnen das was wert ist: Gehen sie hin! Und teilen sie Ihren Einzelhändlern immer wieder ihre Kritik, ihre Wünsche und ihr Lob mit, damit diese ihr Warensortiment und ihren Service verbessern können. Denn die Kunden bestimmen durch ihr Einkaufsverhalten, was wo angeboten wird.

Einzelhandel gehört in die Stadt. Der Markt ist der Kern einer europäischen Stadt und Einzelhandel bedeutet mehr als der Umsatz von Waren und Geld. Der Handel ist auch ein wichtiger Bestandteil städtischen Lebens.

Vielen Dank für das Gespräch.

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