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Blick auf ein unbekanntes Alt-Musberg

„Es ist ein Stück Zeitgeschichte, was da aus der Kapsel herauskam!“ Dr. Bernd Klagholz, Leiter des Stadtarchivs, ist sichtlich begeistert von dem Fund, der bei den Sanierungsarbeiten am Kriegerdenkmal im alten Friedhof von Musberg zutage trat: eine kupferne Grundsteinlegungskapsel, gefüllt mit Dokumenten – „Aus schwerster Zeit späteren Generationen zum Gruss!“, wie es in der Niederschrift heißt.

Im Juni waren die Mauer des unter Denkmalschutz stehenden alten Friedhofs und das Kriegerdenkmal saniert worden. Bei Letzterem wurde auch der Unterbau erneuert. Und dabei wurde die Kapsel geborgen. Sie war bei der Errichtung des Kriegerdenkmals 1931 mit eingemauert worden. „Als Baubürgermeisterin erlebe ich normalerweise nur, dass man eine Kapsel einbaut“, so Erste Bürgermeisterin Eva Noller, die gemeinsam mit dem Team des Archivs die Dokumente unter die Lupe nahm. „Das ist eine tolle Sache, wenn man einmal eine Kapsel aus früheren Zeiten findet“.

Die mit Grünspan bedeckte Kupferrolle enthielt eine ganze Reihe von Papieren aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Eingehüllt in die Entwurfskizze des Eisernen Kreuzes, das auf dem Kriegerdenkmal angebracht ist, kamen das Programm zur Weihe des Denkmals zutage, die Friedhofordnung und eine Festschrift des Musikvereins anlässlich des Bezirksmusikfestes von 1925. Auch die Ortsbausat-zung – „der Vorläufer des Bebauungsplans“, so EBM Noller – steckte in der Zeitkapsel, nebst einer bebilderten Werbeschrift von Musberg, die überschrieben ist: „Ausflugsort und Mittelpunkt für das Wald- und Höhengebiet um Stuttgart“.

Historische Fotografien zeigen die Freiwillige Feuerwehr zum Bezirksfeuerwehrtag 1931, mit Feuerwehrkommandant Jakob Friedrich Elsässer und Bürgermeister Gustav Egler in der Mitte. Eine weitere Aufnahme präsentiert Geldstücke und Geldscheine zur Zeit der Inflation, und auch eine Liste mit den einst gültigen Preisen in Reichsmark ist beigefügt: ein Glas Bier für 10 Milliarden RM, eine Straßenbahnfahrt kostet 500 Milliarden RM, ein Pfund Speck 5 1/2 Billionen RM, ...

Das beeindruckendste Dokument aber ist eine aus mehreren Einzelbildern bestehende Panoramafotografie vom alten Musberg. „Eine Foto mit dieser Ansicht hatten wir bislang nicht“, freut sich Stadtarchivar Klagholz und spricht von „erheblichem Quellenwert, weil es über den Stand der Besiedlung und die Ausdehnung Musbergs im Dezember 1930 Auskunft gibt“. Die Aufnahme zeigt markante Gebäude – wie die Kirche, das Rathaus, die Schule, den ehemaligen Gasthof „Hirsch“ und den Gasthof „Zur Brücke“ (heute „Reichenbachtal“).  

Die historische Fotografie hat allerdings dadurch, dass sie fast 90 Jahre der Feuchtigkeit ausgesetzt war, sehr gelitten und war von Schimmel bedeckt. Nach der vom Stadtarchiv veranlassten Restaurierung ist das Foto jedoch wieder in gutem Zustand. Sie wird nach Rücksprache mit dem Landesdenkmalamt im Stadtarchiv verbleiben.

Das einstige Kriegerdenkmal, in dessen Sockel die Kapsel 1931 eingemauert wurde, ist allerdings nicht mehr erhalten. Es war ein steinernes Zeugnis aus leidvollen Jahren: Eingemeißelt waren die Namen der Gefallenen und Vermissten des ersten Weltkriegs. Das 1.000-Einwohner-Dorf Musberg hatte 59 Gefallene und Vermisste zu beklagen. Das Denkmal wurde im zweiten Weltkrieg dann stark beschädigt.

Das heute vorhandene und sanierte Kriegerdenkmal stammt von 1954. Als man es errichtet hat, wurde die Kapsel im Sockel freilich nicht entdeckt. Der ursprüngliche Musberger Friedhof wurde um 1612 angelegt. Er lag zwischen Pfarrhaus und Kirche. Dann kamen Pestjahre, und die Toten wurden außerhalb des Ortes bestattet. Ein neuer Friedhof entstand, an der heutigen Ecke Filder-/Karlstraße. Er diente bis 1885 als Ruhestätte.