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Krankenmord im Nationalsozialismus

Das Stadtarchiv LE zeigt die Wanderausstellung „Krankenmord im Nationalsozialismus – Grafeneck 1940“, mit der die Gedenkstätte Grafeneck-Dokumentationszentrum (Gomadingen) an die Ermordung kranker und behinderter Menschen im Nationalsozialismus erinnert. Von der Kulturwissenschaftlerin Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt, deren Forschungsarbeiten sich mit Betroffenen aus dem Filderraum befassen, stammt nachfolgender Text.

Schwarzweiß-Foto von 1940: Ein Erwachsener geht mit einem Kind an zwei Omnibussen vorbei

Von Januar bis Dezember 1940 wurden in Grafeneck 10.654 Männer, Frauen und Kinder mit Kohlenmonoxid ermordet. Sie galten als krank, behindert, und ihr Leben wurde als wertlos erachtet. Nach Schließung der Mordanstalt in Grafeneck wurden Menschen über sogenannte Zwischenanstalten nach Hadamar oder in andere Anstalten verfrachtet und dort ermordet. Im Oktober 1939 unterzeichnete Hitler ein Ermächtigungsschreiben, das er auf den 1. September, den Beginn des Zweiten Weltkriegs zurückdatierte. Mit diesem Erlass waren der Leiter der Kanzlei Hitlers, Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt, beauftragt, die Morde an Kranken und Behinderten durchzuführen. Das Morden wurde beschönigend als „Gnadentod“ bezeichnet.

Zunächst wurden alle Leiter psychiatrischer Kliniken und Pflegeeinrichtungen aufgefordert, die dort untergebrachten Pflegebedürftigen und Kranken zu melden, die bestimmte als erblich bezeichnete Erkrankungen hatten. Ein weiteres Kriterium war die Dauer der Unterbringung, die Arbeitsfähigkeit und die Frage der Abstammung. Anhand dieser Angaben entschieden begutachtende Ärzte über Tod und Leben dieser Menschen. Keiner dieser Ärzte hatte je einen dieser Kranken gesehen.

Die Einrichtungen erhielten die Transportlisten mit den für Sammeltransporte bestimmten Namen. In grauen Bussen fand dann die Fahrt auf die Schwäbische Alb oder später nach Hadamar statt. Die Ermordung geschah am gleichen Tag. Das Todesdatum war meist zehn bis 14 Tage später datiert. Mit den weiter zu zahlenden Pflegegeldern wurde das Morden mit finanziert.

Drei Opfer, die aus Leinfelden-Echterdingen stammten, konnten identifiziert werden. Ein Kind wurde Opfer der Kindermordaktion. Es muss aber, verglichen mit anderen Gemeinden gleicher Größe und Struktur, von einer deutlich höheren Opferzahl ausgegangen werden:

Klara B. ist am 15. Mai 1900 in Leinfelden geboren. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr wuchs sie bei ihren Großeltern auf. Im Alter von 23 Jahren musste sie wegen psychischer Auffälligkeiten zur Behandlung in die Universitätsnervenklinik nach Tübingen. Klara B. vertrat wiederholt die feste Ansicht, dass ihr Gedanken entzogen würden. Die Universitätsnervenklinik stellte als Diagnose eine Schizophrenie fest und verlegte sie im September 1924 in die Anstalt Winnenden. Im April 1934 wurde sie in das Gottlob-Weisser-Haus in Schwäbisch Hall gebracht. Am 20. November 1940 wurde sie von dort nach Weinsberg verlegt und am 4. Dezember 1940 nach Grafeneck transportiert und am gleichen Tag ermordet.

Lydia S. ist 1892 in Leinfelden geboren. Im Alter von 25 Jahren heiratete sie, doch die Ehe wurde bereits nach 16 Monaten geschieden. Zwei Jahre später wurde sie in die psychiatrische Einrichtung nach Winnenden eingewiesen. Bei Erregungszuständen erhielt sie Beruhigungsmittel oder wurde über Stunden in einem Dauerbad belassen, im Bett fixiert, unter einem Netz gehalten. Als Diagnose war nun Schizophrenie angegeben. Im Dezember 1934 wurde sie in das Gottlob-Weisser-Haus nach Schwäbisch Hall verlegt. Am 19. November wurde sie mit einem Sammeltransport in die staatliche Anstalt Weinsberg verbracht. Weinsberg diente bereits als Einrichtung zur Weiterverlegung von Kranken. Am 10. März 1941 wurde sie ins hessische Hadamar verfrachtet und ermordet.

Heinz Albert F. wurde am 25. Oktober 1939 in Stuttgart geboren, lebte mit seinen Eltern dann in Echterdingen. Die Geburt war eine schwere Zangengeburt. Mit 21 Monaten konnte er noch nicht sitzen und reagierte wenig auf die Umgebung. Am 12. Juli 1941 organisierte das Gesundheitsamt Esslingen die Aufnahme in die mit dem perfiden Namen „Kinderfachanstalt“ titulierte Einrichtung Eichberg. Am 4. August 1941 brachten die Eltern ihren Sohn dorthin. Regelmäßig erkundigten sie sich nach ihm. Der dortige Arzt, Dr. Schmidt, erklärte, dass es sich „um einen schweren Gehirndefekt“ handle. Im Brief zum Geburtstag von Heinz formulierten die Eltern, „Nun, da an eine Besserung nicht mehr zu denken“ ist, den Wunsch: „So lasst den kleinen, lieben Jungen nicht mehr allzulange sein schweres Leid ertragen.“ Diesen letzten Teil des Satzes, der auch als Legitimation zum Mord dienen konnte, unterstrich Dr. Schmidt. Zwei Tage später, am 29. Oktober starb Heinz. Sein Vater äußerte keinerlei Argwohn, vielmehr bedankte er sich noch für die Versorgung. Beim sogenannten Grafeneckprozess wurde Heinz als eines von 95 aus Württemberg stammenden und im Rahmen der Kindereuthanasie in Eichberg ermordeten Kindern aufgeführt.

Hermann G. wurde am 23. Dezember 1902 in Ilsfeld geboren. Er wuchs bei seiner Mutter und seinem Stiefvater in Unteraichen auf. Im April 1931 machte er sich als ungelernter Arbeiter auf Wanderschaft. Nach wenigen Monaten kam er zurück und musste in der Universitätsnervenklinik aufgenommen werden. Auch er galt als an Schizophrenie erkrankt. Am 24. März 1932 wurde er nach Winnenden verlegt und von dort am 3. Juni 1940 nach Grafeneck und am gleichen Tag ermordet.