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Preisverleihung der Gedenkstiftung

2008 haben die beiden Städte Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen die gemeinsame Stiftung „Gemeinsame Erinnerung – gemeinsame Verantwortung für die Zukunft“ gegründet. Sie soll einerseits die Erinnerung an die Opfer des KZ-Außenlagers auf dem Flughafen bewahren, andererseits aber Projekte unterstützen, die dazu beitragen, dass sich ein solches Unrecht – in vielen denkbaren Formen – in der Gegenwart und in Zukunft nie mehr wiederholt.

Schwarz-Weiß-Logo der Gedenkstiftung

Die Stiftung richtet sich vor allem, aber nicht ausschließlich an Kinder und Jugendliche beider Städte.

In diesem Jahr prämiert die Stiftung zum achten Mal Projekte, die sich im Sinne des Stiftungszweckes mit Themen befasst haben:

  • Integration und friedvolles Zusammenleben
  • Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft
  • Bürgerschaftliche Verantwortung

Zur Prämierung der Projekte mit OB Roland Klenk am Donnerstag, 22. Februar, 18 Uhr, in der Zehntscheuer in Echterdingen laden die beiden Städte alle Bürgerinnen und Bürger herzlich ein. Die Festrede hält Ministerin Dr. Susanne Eisenmann. Für die musikalische Umrahmung sorgt die Band „In Unison“ der Musikschule LE.

Und das sind die fünf prämierten Projekte:

  1. FiS Flüchtlingsarbeit in Stetten
    Ende 2015, als die ersten Flüchtlinge in das ehemalige Hotel Nödinger Hof einzogen, war Alltagsbegleitung gefordert. Inzwischen konzentriert sich die FiS auf die Betreuung der Kinder und die Vorbereitung für eine Ausbildung.

    Kinderbetreuung: Je nach Alter wurden Gruppen eingerichtet, in denen die Kinder ohne Angst spielen durften. Bei schönem Wetter gab es Ausflüge zur Wilhelma, auf einen Bauernhof oder Spielplatz. Die liebevolle Betreuung der Leiterinnen half ihnen, die Schrecken der Flucht ein wenig zu vergessen. Die Kinder lernten sehr schnell Deutsch und konnten so auch ihren Eltern helfen, diese Sprache zu verstehen. Schulkinder kamen zunächst in eine Vorbereitungsklasse der Lindachschule, später je nach Wissensstand in eine normale Klasse. Die Betreuerinnen helfen, wenn sich Wissens- oder Verständnislücken auftun.

    Spracherwerb und Vorbereitung für eine Ausbildung: Das Erlernen der deutschen Sprache ist Voraussetzung für die Integration. Um eine Berufsausbildung zu beginnen, muss Level BI erreicht werden. Sehr bald nach dem Einzug der Flüchtlinge hat FiS mit Sprachkursen begonnen, die von ehemaligen Lehrern gehalten wurden. Sieben Klassen mit verschiedenen Grundkenntnissen wurden gebildet: für Analphabeten bis hin zu Menswchen mit Deutsch- oder Englischkenntnissen. Durch den Einsatz der Sprachbegleiter hat die VHS in Stetten einen Sprachkurs für Frauen eingerichtet. Die Frauen und Männer sind an den Sprachkursen interessiert, weil so die Einstufung in höhere VHS-Kurse möglich ist.
    Die FIS-MitarbeiterInnen bemühen sich inzwischen auch um Praktika- und Ausbildungsplätze und begleiten den Betreffenden zum Betrieb. Erste Ausbildungsstellen als Gärtner, Dachdecker oder Elektroarbeiter konnten bereits besetzt werden.

  2. Freie Waldorfschule Gutenhalde: „Ein Kindergarten für Sarajevo“
    In Sarajevo ist in den letzten Jahren ein zweiter Waldorfkindergarten entstanden, dort werden Kinder von Bosniern (Muslime), Serben (serbischorthodox) und Kroaten (Katholiken) gemeinsam betreut, damit die Kinder und die Familien wieder lernen, gemeinsam in Frieden zusammenzuleben.

    Der Krieg hatte die bosnische Gesellschaft stark zerrissen. Da das Haus, in dem der Kindergarten untergebracht ist, nicht die behördlich erforderliche Anzahl an Quadratmetern aufwies, drohte die Schließung. So hat die Klasse 12 ein Jahr lang gearbeitet und Spenden gesammelt, um dann im Juli 2017 nach Sarajevo zu fahren und den Ausbau voranzutreiben, unterstützt vom Verein Kukuk Kultur.

    Es wurden Fliesen gelegt, die Wände gestrichen, eine Gaderobe eingebaut, die Außenwand gedämmt und im Garten entstanden Spielmöglichkeiten wie Wippe, Schaukel, Podeste, Kletterwand und Kletterparcours aufgebaut. Die Schüler haben an fünf Tagen knapp zehn Stunden bei über 30 Grad Celsius gearbeitet. Das bosnische Fernsehen hat darüber berichtet.

  3. Eduard-Spranger-Gymnasium: „Treffpunkt Eddi“ für Geflüchtete
    Als bekannt wurde, dass in unmittelbarer Nähe zum Eduard-Spranger-Gymnasium in Bernhausen eine Unterkunft für geflüchtete Männer entstehen würde, wurde dies als Herausforderung und Chance für beide Seiten betrachtet, sowohl für die Geflüchteten als auch für die Schulgemeinschaft.

    Es wurde ein Arbeitskreis ins Leben gerufen. Diese Gruppe von etwa 10 bis 12 beteiligten Eltern, Schülern und Lehrern initiierte den „Treffpunkt Eddi“ (namentlich angelehnt an Eduard Spranger) in der Mensa. Dort traf man sich zu Kaffee und Kuchen, Schach, Live-Musik und Tanz, Backen, Sportaktivitäten oder Bastelaktionen. Mit einem Film hielten die Schüler außerdem Interviews mit den Geflüchteten fest. Inzwischen engagieren sich Geflüchtete auch selbst in der Mensa, beim Tisch- und Spüldienst, und es finden Kochabende statt.

    Bei den Schul-Projekttagen „Ich. Du. Wir. Gemeinsam in einer Welt“ wurden Ursachen und Folgen der Migrations- und Fluchtbewegungen beleuchtet.

  4. Interreligiöser Jugendkreis Filderstadt: „Graffiti: Glaube verbindet“
    Die Garagenwand der Liebfrauengemeinde, von Sprayern ohnedies gern verwendet an einem vielbegangenen Weg, wollte der interreligiöse Jugendkreis – ein loser Kreis von Jugendlichen und jungen Erwachsenen der alevitischen Gemeinde, türkischen DITIP-Gemeinde und katholischen Liebfrauengemeinde – nutzen, sich mit gestalterischen Mitteln an einem quasi öffentlichen Platz bekanntzumachen. Begleitender Künstler wurde Salomon Assefaw.

    Das Ziel war es, bildhaft das Miteinander der Religionen dazustellen: mit der Arche Noah, die im Christentum wie auch im Islam eine Rolle spielt, mit einer Friedenstaube und mit Händen unterschiedlicher Hautfarbe, die behutsam die Erdkugel halten, auf der eine Kirche und eine Moschee verbunden als ein gemeinsames Gebäude gezeigt werden. Der Spruch „Glaube verbindet“ wirbt für Toleranz und legt den Fokus auf das Verbindende, nicht aus das Trennende.

  5. Kunstschule Filderstadt und   Gotthard-Müller-Schule: „Theater Grenzenlos“
    Die Idee unter der Leitung der Theaterpädagoginnen Martina Hallm und Maud Rapp war die Einbindung der Vorbereitungsklasse der Gotthard-Müller Schule mit dem Ziel, Migranten- und Flüchtlingskinder in den Alltag und unsere Gesellschaft zu integrieren. Die sprachlichen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten sollten mit Hilfe theaterpädagogischer Mittel gefördert werden.

    Durch die Vernetzung mit dem Pflegeheim „Wohngemeinschaft für Senioren“ sollte zudem aus dem Miteinander der Generationen gegenseitige Wertschätzung entstehen als ein Beitrag zur Integration in die Gesellschaft. Die Senioren war Zuschauer, nur eine Seniorin wirkte als Erzählerin mit.

    Aufgrund der unterschiedlichen Herkunftsnationen (neun verschiedene Länder) war es nicht ganz einfach, einen Stoff zu finden, den jeder kennt. Schließlich entschied man sich „Ali Baba und die 40 Räuber“. Das Märchen diente als Grundlage für eigene Interpretationen und Themen der Jugendlichen. Wegen der unterschiedlichen Sprachkenntnisse wurde vor allem bewegungsorientiert gearbeitet und improvisiert. Dabei stieß die Gruppe immer wieder an die Grenze der Kommunikation, man musste antreiben, überzeugen, Grenzen aufzeigen. Im Laufe des Prozesses waren die Jugendlichen aber immer mehr bereit, sich auf das Stück sprachlich, schauspielerisch oder tänzerisch einzulassen.

    Am Ende entstand ein Stück, das auf die Bedürfnisse und das Können der Teilnehmer zugeschnitten war: eine Inszenierung mit viel Bewegung und wenig, aber genau eingesetzter Sprache. Aufführung war am 18. Juli in der Filharmonie. Das Projekt ist der Beginn einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen der Gotthard-Müller-Schule und der Kunstschule Filderstadt.